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„Nichts für Weicheier“

Von KIM BJÖRN BECKER und LORENZ HEMICKER
Foto: Hannah Aders

15. Oktober 2020 · Früher behandelte die Bundeswehr in ihren Lazaretten nur Soldaten, doch inzwischen sind die meisten Patienten Zivilisten. Die Sanitäter im Koblenzer Zentralkrankenhaus operieren am liebsten Schwerverletzte – so trainieren sie für den späteren Einsatz im Ausland.

Die Explosion kam aus dem Nichts, als Olexij an der Front patrouillierte. Seinen Kameraden traf die Detonation mit voller Wucht. Er starb sofort. Olexij wurde von der Druckwelle zu Boden gerissen. Splitter bohrten sich in seinen Körper. Sie zerfetzten die linke Seite seines Gesichts, durchschlugen seinen linken Ellenbogen. Auch von seiner Hand und dem Oberschenkel blieb nicht viel übrig. Unklar ist, ob ein Geschoss einschlug oder die Soldaten eine Mine auslösten. Damals, im April des vergangenen Jahres, nordwestlich von Donezk in der Ukraine.

Olexij gibt den Separatisten die Schuld. Er sagt: „Sie haben uns unerwartet abgeschossen.“ Dabei schüttelt der Soldat den Kopf und schickt seinen Worten ein spöttisches Lächeln hinterher. So, als ob Worte ohnehin nicht erklären könnten, was er in der Ostukraine durchgemacht hat. Sein Leben, sagt Olexij, verdanke er einem Sanitäter in seiner Einheit, der ihn gleich nach der Explosion versorgt habe. Obwohl der ebenfalls verwundet war. Dann endet Olexijs Erinnerung an den „Abschuss“, er wurde bewusstlos. Ein Flugzeug hat ihn einige Wochen später hierhergebracht. Nach Deutschland. Ins Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz.

Die Militärklinik liegt westlich der Stadt, an einer Landstraße zwischen Feldern und einem Gewerbegebiet. Fast 1500 Menschen arbeiten hier, im größten der fünf Bundeswehrkrankenhäuser. Mehr als jeder Zweite ist Soldat, der Rest sind Zivilisten. Im Krankenhausalltag erkennt man die Soldaten daran, dass sie sich auf dem Flur militärisch grüßen. Manchmal zumindest. Die Schulterklappen ihrer Uniformen verraten ihre Dienstgrade: Stabsarzt, Oberstabsarzt, Oberfeldarzt. Die Ränge der Militärmediziner sind schwer auseinanderzuhalten. Selbst Soldaten kommen da durcheinander.

Als Bundeswehrkrankenhäuser noch Lazarette hießen, wurden dort nur Soldaten behandelt. Doch das hat sich geändert; seit den siebziger Jahren sind die Kliniken für zivile Patienten geöffnet. In Koblenz, Berlin, Hamburg, Ulm und Westerstede sind die Militärkliniken seitdem Teil der regulären Krankenversorgung. Überall behandeln die Sanitäter inzwischen mehr Zivilisten als Kameraden. In Koblenz wurden im vergangenen Jahr 3334 Soldaten stationär aufgenommen und 10761 Zivilisten. Von den 506 Betten hält die Leitung 256 für Zivilisten frei. Diese waren zuletzt zu fast 80 Prozent ausgelastet – etwas mehr als bei einem vergleichbaren zivilen Krankenhaus.
Olexij kam schwerstverwundet nach Koblenz. Nach 15 Monaten kann er mit seiner linken Hand, die durch eine Explosion zerfetzt wurde, wieder einen Ball zusammendrücken.
Olexij kam schwerstverwundet nach Koblenz. Nach 15 Monaten kann er mit seiner linken Hand, die durch eine Explosion zerfetzt wurde, wieder einen Ball zusammendrücken. Foto: Hannah Aders

Olexijs Zimmer befindet sich im zweiten Stock der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. Seit fast anderthalb Jahren ist es sein Zuhause. Der 43 Jahre alte Soldat sitzt auf seinem Bett. Er fühle sich wohl hier, sagt er. „Die Ärzte sind wunderbar.“ Neben ihm liegt eine Bewegungsschiene für das verletzte Bein, am Ende des Bettes ist ein blaues Gummiband um das Gestell gewickelt, für die Krankengymnastik. An der Wand hängt eine große ukrainische Flagge. Das Wappen von Olexijs Regiment prangt darauf, einige Kameraden haben mit Filzstift unterschrieben. Das linke Bein hat er aufgestützt in einer Schiene, den linken Arm im Gips. Über sein Gesicht ziehen sich Narben.

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