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Bundeswehr-Stilfibel : Soldaten sind gleich, Soldatinnen gleicher

Frauen sind bei der Bundeswehr Pferdeschwänze und gezopfte Frisuren ausdrücklich erlaubt – Männern nicht Bild: dpa

Die Bundeswehr gibt neue Regeln zum Aussehen ihrer Soldaten heraus. Frauen werden bevorzugt. Tattoos wird ein Riegel vorgeschoben.

          Am Hindukusch, wo Deutschlands Freiheit lange Zeit verteidigt wurde, war das Aussehen der Frontkämpfer unbehelligt geblieben. In den Außenposten der Bundeswehr im Unruhedistrikt Chahar Darreh bei Kundus posierten die deutschen Infanteristen mit langen Bärten und Tattoos auf Rücken, Brust und Oberarmen. Auch bei Ausbildern in Afrika, auf deutschen U-Booten und in den Kasernen sind Körperbemalungen bei Bundeswehrsoldaten inzwischen häufig anzutreffen.

          Während die Truppe nun nach und nach aus Afghanistan abzieht hat man im Verteidigungsministerium offenbar die Zeit gefunden, sich über Grundsätzliches Gedanken zu machen – das korrekte Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten. Herausgekommen ist dabei eine Stilfibel, die vieles verbietet und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zementiert. Nachzulesen im Blog Augengeradeaus.net

          „Sichtbare Einbindung in die militärische Gemeinschaft“

          Die Motive, die dafür zu Beginn der siebenseitigen Dienstvorschrift A-2630/1 (für Insider, der Nachfolger des Haar- und Barterlasses ZDv 10/5, Anlage 1) genannt werden, sind teils nachvollziehbar, teils diskussionswürdig. Nachvollziehbar, wenn staatstragend davon gesprochen wird, dass „die Freiheit zur individuellen Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes gegenüber der sichtbaren Einbindung in die militärische Gemeinschaft zurückzustehen habe“, oder anders ausgedrückt: Soldaten nicht wie die letzten Heuler aussehen dürfen.

          Krude wird es allerdings danach, wenn die Verfasser sich auf „unverändert große Teile der Bevölkerung“ berufen, die aus dem Erscheinungsbild „Rückschlüsse auf die militärische Disziplin“ schließen. Das klingt nach Hörsensagen und lenkt davon ab, wer seit jeher über das Wesen militärischer Disziplin mit Blick auf die Auftragserfüllung zu befinden hat. Die Bundeswehr selbst.

          „Zulässige Maßnahme zur Förderung von Frauen“

          Im weiteren Verlauf vereint das Regelwerk militärisch Nachvollziehbares mit dem, was die Verfasser unter der Mehrheit der Deutschen als sozial erwünscht antizipieren. Keine Frisur darf den Sitz von Helmen oder sonstigen Kopfbedeckungen beeinträchtigen, das ist klar. Gepflegte Bärte aber stören nicht, solange die Soldaten nicht mit einem Chemiewaffenangriff rechnen müssen, gegen den sie eine Schutzmaske vor das Gesicht zu ziehen haben. Eine Möglichkeit, die derzeit wohl nur das deutsche Kontingent im türkischen Kahramanmaras, unweit der syrischen Grenze, in Betracht ziehen muss.

          Ungleich bleibt dabei die Behandlungsweise von Mann und Frau. Während bei Männern das Haupthaar „am Kopf anliegen oder so kurz geschnitten sein muss, dass Ohren und Augen nicht bedeckt werden“, sind Frauen Pferdeschwänze und gezopfte Frisuren ausdrücklich erlaubt. Zwar hatte ein ehemaliger Wehrdienstleistender gegen diese Regelung geklagt. Der 1. Wehrdienstsenat des Bundesveraltungsgerichts aber lehnte in letzter Instanz die Klage ab und bestätigte zugleich die „langhaarigenfreundlichere Regelung“ für Soldatinnen als zulässige Maßnahme zur Förderung von Frauen in der Bundeswehr“. Anders ausgedrückt: Die Neuverpflichtung von Frauen wirkt schwerer als das verordnete Erscheinungsbild.

          Ein deutscher Soldat mit Tattoos auf beiden Unterarmen auf dem Logistikstützpunkt der Bundeswehr in Trabzon in der Türkei

          Schwierig wird es nun aber vor allem für die zahlreichen Soldaten, die bereits umfangreiche „Körpermodifikationen und -bemalungen“ (Sprich: Piercings und Tatoos) tragen. Oder, wie die Bundeswehr es formuliert, aus „dekorativen Zwecken ohne medizinische Notwendigkeit durchgeführte Eingriffe in die Substanz des menschlichen Körpers.“

          Während sich Piercings problemlos entfernen lassen, können Tattoos nicht ohne weiteres verschwinden. Das müssen sie zwar laut Dienstanweisung auch nicht, solange sie keine obszönen oder extremistischen Parolen aufweisen. Allerdings verlangt der Dienstherr künftig, die Tattoos dort abzudecken, wo sie zu sehen sind. Also auch im Gesicht, auf Hälsen und Armen. Ob die so vermummten Soldaten damit künftig ein besseres Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit abgeben werden, ist offen.

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