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Bundeswehr : Rohe Leber und Alkohol bis zum Erbrechen

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Der Vorwurf eines ehemaligen Gebirgsjägers: Mutproben und Aufnahmerituale Bild: AP

Die Bundeswehr sieht sich neuen Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Ein ehemaliger Gebirgsjäger hat sich über entwürdigende Aufnahmerituale beschwert. Verteidigungsminister Guttenberg fordert: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.“

          Die Bundeswehr-Gebirgsjäger in Mittenwald stehen im Verdacht, junge Soldaten mit skandalösen Mutproben und Aufnahmeritualen schikaniert zu haben. Diese müssten bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufsteigen zu können, berichtete ein ehemaliger Rekrut in einer Beschwerde an den Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe. Auch würden Soldaten gezwungen, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden. Das berichteten die „Süddeutsche Zeitung“ sowie ARD und ZDF.

          Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) verlangte im ZDF: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.“ Guttenberg hat selbst in Mittenwald seinen Wehrdienst geleistet. Robbe hält die Angelegenheit um einen Fall von offenbar größerer Dimension. „Wenn diese Rituale mit Körperverletzung im Zusammenhang stehen und wenn Rekruten, die ja unter dem besonderen Schutz des Dienstherren stehen, misshandelt werden, dann gilt hier null Toleranz“, sagte er. „Dann muss alles aufgedeckt werden.“

          In einer Mitteilung an den Verteidigungsausschuss des Bundestags spricht Robbe von Aufgaben, die zum Teil „als erniedrigend und herabwürdigend“ anzusehen seien. Vorgesetzte hätten davon Kenntnis gehabt, seien aber nicht eingeschritten.

          Der zuständige Presseoffizier der 10. Panzerdivision in Sigmaringen, Peter Wozniak sagte, die Beschwerde des Soldaten beziehe sich auf einen Vorfall aus dem Juni 2009. Er bestätigte den Eingang der Beschwerde bei dem in der Edelweiß-Kaserne in Mittenwald untergebrachten Gebirgsjägerbataillon 233. Seit 4. Februar liege den zuständigen Stellen die Eingabe des ehemaligen Soldaten zur Stellungnahme vor. Die Verantwortlichen hätten „unmittelbar mit den Ermittlungen begonnen.

          Bei der Beschwerde des Soldaten handele es sich um einen Vorfall, der sich vermutlich ohne Wissen von Vorgesetzten nur innerhalb von Mannschaftsdienstgraden abgespielt habe, sagte Wozniak. Erniedrigungen durch Vorgesetzte seien nicht bekannt. Allerdings bestätigte er auch Untersuchungen von Fällen, in denen Vorgesetzte von den Vergehen gewusst haben sollen, aber nicht eingeschritten seien.

          Der Bundeswehrsprecher räumte ein, dass sich in der Truppe solche „Rituale seit Ende der 1980er Jahre eingebürgert“ hätten. In den vergangenen Jahren hätten sie sich in ihrer Ausprägung und Intensität noch gesteigert. Die Bundeswehr nehme die Sache „sehr ernst“. Nach bisherigem Erkenntnisstand hätten die Erniedrigungen größtenteils außerhalb der Dienstzeit und weitgehend außerhalb der Kaserne stattgefunden. Daran waren nach Angaben Wozniaks auch mittlerweile aus dem Dienst ausgeschiedene Soldaten beteiligt. Sollten sich die Vorwürfe im Laufe der Ermittlungen bestätigen, würden disziplinarische und strafrechtliche Maßnahmen ergriffen. Die Bandbreite der möglichen Konsequenzen reiche von schriftlichen Zurechtweisungen bis hin zur Entlassung aus dem Militärdienst.

          Im bislang jüngsten Missbrauchsskandal bei der Bundeswehr hatte das Landgericht Münster 2008 fünf ehemalige Ausbilder unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und entwürdigender Behandlung von Untergebenen zu Bewährungsstrafen verurteilt. Nach Ansicht des Gerichts hatten die Angeklagten im Sommer 2004 bei vier simulierten Geiselnahmen mehr als 160 Rekruten der Coesfelder Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Nordrhein-Westfalen misshandelt.

          Der Bundeswehrstandort in Mittenwald war bereits 2006 in die Schlagzeilen geraten, nachdem Fotos aus Afghanistan aufgetaucht waren, auf denen Bundeswehrsoldaten mit einem Totenschädel posierten. Die Aufnahmen sollen auf einer Patrouillenfahrt 2003 entstanden sein.

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