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Bundeswehr-Mandat : Wehrlos in Afghanistan?

Ein amerikanischer Soldat auf einer Basis der afghanischen Armee in der Provinz Logar im Sommer 2018 Bild: Reuters

Nach den bisherigen Plänen sollte die Bundeswehr in sechs Wochen aus Afghanistan abziehen. Nun bleibt sie eventuell länger. Doch was passiert, wenn die Taliban deutsche und andere ausländische Soldaten angreifen?

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          Eigentlich sitzt die Bundeswehr in Afghanistan auf gepackten Kisten. Im Camp Marmal im Norden des Landes wird derzeit der Abzug vorbereitet. Eine sogenannte „Rückverlege- und Verwertungsorganisation“ hat seit Monaten das Material reduziert und schon nach Hause geschickt. Im Nato-Jargon heißt so etwas „aggressive housekeeping“. Zudem stehen Kapazitäten für rasche Lufttransporte auf Abruf bereit.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Doch plötzlich dreht sich der Wind: Während seit August 2020 jederzeit ein blitzartiger Abzugsbefehl des früheren amerikanischen Präsidenten Donald Trump drohte, mehren sich nun Anzeichen für eine Verlängerung des Bundeswehr-Mandats, das Ende März ausläuft. Außenminister Heiko Maas (SPD) möchte nämlich die Friedensverhandlungen zwischen Taliban und Zentralregierung sichern und die neue amerikanische Regierung unterstützen.

          Panzer gibt es nicht mehr

          Gemäß dem aktuellen Beschluss des Bundestages können bis zu 1300 Soldatinnen und Soldaten eingesetzt werden. Derzeit befinden sich in Afghanistan 1085 (Stand 8. Februar), die meisten sind in dem multinationalen Camp Marmal in der Nähe der Stadt Mazar-e-Sharif stationiert. Kontingentführer ist ein Brigadegeneral, Ansgar Meyer. Der Offizier kommt von der Panzertruppe.

          Panzer wie beim General zu Hause gibt es allerdings bei den Deutschen in Afghanistan nicht mehr. Auch keine schwere Artillerie. Selbst Mörser sollen knapp sein bei den Soldatinnen und Soldaten. Das wirft in der gegenwärtigen Lage Fragen auf. Denn obgleich der Abzug aller internationalen Streitkräfte bis Ende April bevorsteht und in Doha Friedensgespräche geführt werden, geht der Bürgerkrieg weiter. Nach Auskunft des Brookings-Instituts wurden im vorigen Jahr mehr als 10.000 afghanische Soldaten und Polizisten getötet, mehr als 25 an jedem Tag. Wie der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete und Afghanistan-Experte Winfried Nachtweih berichtet, war der Oktober vorigen Jahres der Monat mit der höchsten Anzahl von Opfern seit Beginn der Zählung im Jahr 2007.

          Die meisten Toten gab es in der nördlichen Provinz Kundus. Dort hatte die Bundeswehr zehn Jahre lang ein Feldlager. Gleich nebenan muss das deutsche Kontingent nun damit rechnen, bald selbst zum Angriffsziel zu werden. Denn die Taliban haben angekündigt, im Falle eines Verbleibs der Nato den Kampf auf ganzer Breite wieder aufzunehmen. Das laufende Moratorium für Angriffe auf die Koalitionskräfte werde enden.

          Die Aufklärungsmöglichkeiten schwinden

          Die Bundeswehr träfe das zu einem schlechten Zeitpunkt. Denn rund 60 Soldaten vom Kommando Spezialkräfte sind vor Weihnachten abgezogen worden, die noch laufende Ausbildung bei afghanischen Spezialkräften mit der Bezeichnung „ATF 888“ wurde beendet. Nach einem Bericht der Zeitschrift „Spiegel“ befanden sich Anfang Januar noch zwölf KSK-Soldaten in Mazar. Auskünfte zu eventueller Verstärkung des Kontingents waren am Sonntag weder von Sprechern im Verteidigungsministerium noch im Einsatzführungskommando zu bekommen.

          Die Niederlande hingegen, die im selben Camp mit 150 Soldaten stationiert sind, bereiten sich bereits aktiv auf eine veränderte Sicherheitslage vor. Wie das Verteidigungsministerium in Den Haag vorige Woche mitteilte, werden 80 Soldaten auf Abruf bereitgehalten, falls sich die Lage verschlechtert. Die Bundeswehr hält für ihre Kontingente generell Kräfte bereit, die rasch eingeflogen werden können, „in extremis support“ nennt sich das.

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          Mit dem Abzug der Spezialkräfte und dem weit fortgeschrittenen Rückzug der Amerikaner schwinden die Möglichkeiten, sich ein Bild von der Lage außerhalb des Camps zu verschaffen. Das Camp am Fuße des Marmalgebirges liegt südöstlich von Mazar. Zwanzig Kilometer entfernt befindet sich das Regionale Militärische Trainingscenter der Afghanischen Armee. Die Strecke dorthin absolvieren deutsche Ausbilder seit geraumer Zeit schon per Hubschrauber.

          Kollabiert die afghanische Armee? 

          Was die amerikanischen Streitkräfte betrifft, die bei Angriffen als Luftunterstützung oder zur medizinischen Evakuierung unerlässlich sind, so herrscht Unklarheit über deren verbliebene Stärke. Von offiziell 12.000 Soldaten Anfang 2020 waren Ende des Jahres noch 2500 übrig. Allerdings berichtet ein Beitrag für das amerikanische Center für Strategic und International Studies (CSIS), dass darüber hinaus bis zu 26.000 teils bewaffnete Kontrakt-Kräfte und etwa 550 zivile Mitarbeiter des Pentagons dort tätig sind.

          Der Abzug bis zum 30. April könnte, so sagt auch der vielfach nach Afghanistan gereiste Nachtweih, zu einem raschen Kollaps der afghanischen Armee führen und das Überleben für die Regierung „äußerst erschweren, vielleicht unmöglich machen“. Hinzu kommen Geldsorgen. So wird der Staatshaushalt einer „der am wenigsten effektiven und korruptesten Regierungen der Welt“ (CSIS) zu Dreiviertel von der internationalen Staatengemeinschaft finanziert, alleine rund vier Milliarden Dollar braucht Kabul für die afghanische Armee. Für die Bundesregierung drängt die Zeit. Soll das Mandat verlängert werden, müsste bis Anfang März ein entsprechender Antrag im Bundestag vorliegen.

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