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Rettungsmission in Kabul : Mehr Schutzsuchende, aber immer weniger Zeit

Hilfsgüter kommen in Kabul an. (Aufnahme am 25. August von der Bundeswehr zur Verfügung gestellt) Bild: Bundeswehr-EKT

Die Vereinigten Staaten haben ihren Abzugsplan zum 31. August bekräftigt. Bevor die letzten Amerikaner gehen, müssen alle Alliierten den Flugplatz verlassen haben. Deutschland dürfte seine Evakuierung spätestens bis Anfang der Woche abschließen.

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          Auf dem Flughafen von Kabul haben die Abzugsvorbereitungen der internationalen Streitkräfte begonnen. Während einerseits die Evakuierungsflüge aus der afghanischen Hauptstadt noch einmal intensiviert wurden, begannen die amerikanischen Streitkräfte bereits damit, ihr Personal zu reduzieren. Die Bundeswehr hatte nach Mitternacht Ortszeit noch weitere 178 Personen ausgeflogen, der Militärtransporter landete anderthalb Stunden später im usbekischen Taschkent. 

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Bis zum Morgen hat die Luftwaffe nach eigenen Angaben seit 16. August insgesamt mehr als 4600 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Es melden sich aber immer wieder neue Schutzbedürftige, zudem gibt es nach wie vor Koordinierungsprobleme bei der Abholung und beim Zugang von Personen zum Flughafen. Der Bundestag soll am heutigen Mittwoch in einer Sondersitzung den Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte debattieren und nachträglich genehmigen, der die Entsendung von bis zu 600 Soldatinnen und Soldaten vorsieht.

          Nach Darstellung des amerikanischen Verteidigungsministeriums wurden zwischen Montagabend und Dienstagabend etwa 12.700 Personen mit insgesamt 37 US-Flügen evakuiert. Zudem teilte ein Sprecher mit, es seien weitere 57 Flugzeuge der Alliierten mit 8900 Personen an Bord gestartet. Damit stieg die Gesamtzahl der ausgeflogenen Schutzbedürftigen auf mehr als 70.000.

          Abzug der Amerikaner dürfte Kettenreaktion auslösen

          Die Ankündigung der Amerikaner, bis Dienstag kommender Woche den Flughafen Kabul zu verlassen und damit ihren Einsatz in Afghanistan zu beenden, wird für alle daran beteiligten Alliierten eine Kettenreaktion auslösen. Denn bevor die letzten Spezialkräfte und Flugzeuge der US-Streitkräfte abziehen, werden alle anderen Nationen den Flughafen verlassen müssen. Die USA hatten nach dem gestrigen Stand mehr als 6000 Soldatinnen und Soldaten in Kabul im Einsatz, dazu diplomatisches Personal und weitere zivile Mitarbeiter.

          Frankreich hat bereits angekündigt, zum Ende der Woche seine Mission abzuschließen. Das Verteidigungsministerium machte bislang keine genauen Angaben zum Abzug der Fallschirmjäger und weiteren Personals vom Flughafen. Man wolle „so viele wie möglich“ retten, heißt es offiziell immer wieder. Zugleich wird anhand der verbleibenden Zeit, der möglichen Flüge und der benötigten Ladekapazitäten der Abzug ebenfalls vorbereitet.

          Anders als die Vereinigten Staaten hat Deutschland aber kaum noch schweres Gerät am Flughafen, abgesehen von zwei Hubschraubern der Spezialkräfte, die vorige Woche eingeflogen, bislang aber nicht genutzt wurden. Das deutsche Kontingent unter dem Kommando des Einsatzführers vor Ort, Brigadegeneral Jens Arlt, umfasst etwa 200 Männer und Frauen. Dazu kommen Mitarbeiter der deutschen Botschaft, des Bundesnachrichtendienstes oder auch der Polizei.

          Furcht vor Anschlägen wächst

          Es kann als sicher gelten, dass Deutschland seine Evakuierung spätestens bis Anfang der Woche abgeschlossen haben wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte angekündigt, man wolle bis zu 10.000 Deutsche, afghanische Helfer und Schutzbedürftige ausfliegen. Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte vor zwei Tagen erklärt, er bemühe sich um eine Öffnung des zivilen Flughafens. Allerdings haben die Taliban bereits angekündigt, dass sie einer größeren Zahl von Ausreisen ihrer Landsleute nicht zustimmen werden.

          Die Lage am Flughafen wird, neben dem unverändert hohen Andrang von Ausreisewilligen, inzwischen von der Furcht vor Anschlägen geprägt. Sowohl amerikanische als auch deutsche Dienste berichten vom „Einsickern“ Radikaler des „Islamischen Staates“ (IS), die sowohl die Alliierten bekämpfen, als auch mit der Terrororganisation Taliban verfeindet sind, die ihnen zu liberal ist.

          Ein Anschlag am Flughafen könnte, so die Erwägungen, beide gleichermaßen treffen. An den Zugängen zum Flughafen ist es bereits zu bewaffneten Angriffen und Schusswechseln gekommen, wobei die Urheber unklar blieben.

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