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Bundeswehr setzt auf Software : Die Krisen von Morgen erkennen

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Watson, IBMs System selbstlernender künstlicher Intelligenz, muss dabei erst noch beweisen, dass es eine effektive IT-Plattform ist, um Vorhersagen zu Eskalationsphasen in Konflikten zu treffen. Konzipiert ist Watson zuvorderst als extrem leistungsfähige Suchmaschine. Diese kann bei Restaurant- und Imbissketten beispielsweise aufzeigen, ob sich eine Filiale an einem favorisierten Standort wirklich lohnt. Dazu wertet Watson laut IBM unter anderem die Kundebewertungen zu früheren Lokalen in der entsprechenden Gegend aus. Bei Konflikten spielen jedoch Momente der Zufälligkeit, wie der plötzliche Tod wichtiger Akteure, eine entscheidende Rolle. Es gilt zahllose menschliche Variablen zu betrachten, die sich kaum kontrollieren lassen. So ist die bisherige militärische Nutzung Watsons, die öffentlich bekannt ist, noch bescheidener als die Krisenfrüherkennung. Das Programm Künstliche Intelligenz (KI) hilft der amerikanischen Armee dabei, Sensordaten von Jeeps oder auch Drohnen auszuwerten und sagt damit voraus, wann das Gerät wieder in die Instandhaltung muss.

Eine weitere Hürde für die softwarebasierte Krisenfrüherkennung der Bundeswehr ist laut Projektleiter Masala die Aufbereitung geheim beschaffter Informationen: „Die harte Nuss, die wir noch knacken müssen, ist das Einbringen von so genannten roten Daten; das heißt Daten, die nicht öffentlich zugänglich sind.“ Als fiktives Beispiel nennt der Sicherheitsexperte die Vorhersage eines möglichen Angriffs Russlands auf das Baltikum. „Nehmen wir an, all unsere Modelle prognostizieren, da passiert nichts. Eine hochwertige Agentenquelle bei der russischen Führung meldet aber, die Russen wollen angreifen - das gegeneinander zu gewichten, ist sehr schwierig." Trotzdem rechnet Masala damit, dass die deutschen Streitkräfte in drei bis fünf Jahren ein System haben werden, dass mit 80-prozentiger Sicherheit Krisen frühzeitig erkennen kann. Das heißt, vorherzusehen, wie sich eine Situation in einem Land oder einer Region in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten entwickeln wird.

Vorreiter bei der Krisenfrüherkennung über Software sind die amerikanischen Streitkräfte. Deren Integrated Conflict Warning System (ICEWS) ging vor zehn Jahren an den Start und wird vom Rüstungsunternehmen Lockheed Martin umgesetzt. Verantwortet wird es vom Forschungsbereich der amerikanischen Marine. Ursprünglich hatte es den Fokus, mit einer Vorlaufzeit von sechs bis 24 Monaten klare Indizien für den Ausbruch von Konflikten in Asien zu liefern. Über die Leistungsfähigkeit und Effizienz von ICEWS beim amerikanischen Militär ist öffentlich nichts bekannt. Das Pacific Command testet die Software seit ein paar Jahren, wie auch inzwischen das Southern Command, das für Südamerika zuständig ist. Die amerikanischen Streitkräfte haben mit ICEWS noch weitergehende Pläne. Beteiligt an der Entwicklung der Software ist auch das Strategic Command, das die amerikanischen Atomwaffen verantwortet. Hier soll die Prognose-Software künftig dabei helfen, die Entscheidungsgrundlage für den Einsatz der ultimativen Vernichtungswaffe zu verbessern.

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