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Bundestagsabgeordnete : Warten auf Mister Q

Erster Abgleich: Das Abgeordnetenbuch muss größere Vorstellungsrunden ersetzen. Bild: AFP

Im Bundestag gibt es alte Gesichter, neue Gesichter, Anwaltsgesichter, Einwanderergesichter und sogar das Gesicht eines fiktiven Abgeordneten. Nur einen Abgeordneten mit Nachnamen auf Q gab es noch nie.

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          Luise Amtsberg hat schon losgelegt. Kaum in Berlin eingetroffen, wirft sich die 29 Jahre alte Islamwissenschaftlerin in die politische Arena. Zum Beispiel hat Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schon Post von ihr bekommen. Die Grünen-Politikerin, die künftig „(MdB)“ für „Mitglied des Deutschen Bundestages“ hinter ihrem Namen führen kann, teilt dem Minister mit, sie sei „in großer Sorge“ um die Flüchtlinge am Brandenburger Tor. Friedrich solle mit den Hungerstreikenden sprechen. Wenige Tage später ziehen die zornigen Asylbewerber unter das Dach der Kirche. Keiner wird verhungern, Frau Amtsberg twittert: „Ich bin erleichtert!“ Die anderen 228 politischen Novizen im Reichstagsgebäude mögen noch Mitarbeiter und Computer suchen, eigene Telefonnummer und solche der Fahrbereitschaft ausprobieren - Frau Amtsberg, die sich bis vor kurzem noch mit dem Kellnern in Kiel über Wasser gehalten hat, handelt. Ein ordentliches Büro gibt es zwar am Tag der Konstituierenden Sitzung noch nicht. Man habe aber, sagt ihre Mitarbeiterin Julia Löffler, „ein Zimmer im Erdgeschoss in der Dorotheenstraße 101“. Das nennt sich „Übergangsbüro“.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Frau Löffler von der Grünen Jugend ist aus Kiel mitgekommen, zwei Fachreferenten wurden von Abgeordneten übernommen, die dem Bundestag nicht mehr angehören. Sie kennen sich aus mit Asyl- und Integrationsfragen, dem Feld, auf dem Frau Amtsberg sich bewähren möchte. Die Entscheidungen darüber, welche Abgeordneten wo wirken werden, sind in den Fraktionsführungen von SPD, Grünen oder Union noch nicht gefallen.

          Knapp zwei Drittel der Abgeordneten sind männlich

          In CDU und CSU gehören 114 Abgeordnete erstmals dem Bundestag an, darunter mit Charles M. Huber einer von zwei afrikanisch-deutschen Parlamentariern. Der andere heißt Karamba Diaby, stammt aus dem Senegal und kam vor fast dreißig Jahren zum Studieren in die DDR. In Halle kandidierte er für die SPD. Neu ist auch Michelle Müntefering. Die Bochumer Abgeordnete will sich um Verbraucherschutz und Infrastruktur kümmern.

          Meister im Maschinenraum der Politik

          Die Neulinge können Wünsche äußern. Wer soziale Themen bearbeiten möchte, hat gute Karten. Integrationspolitik ist auch eine Möglichkeit. Aber der Auswärtige Ausschuss oder gar der Haushaltsausschuss? - Das können die meisten vorerst vergessen. Denn dort sitzen in der Regel die altbewährten Abgeordneten. Fast zwei Drittel (63,7 Prozent) von allen sind Männer. Immer noch. Abermals fehlt im Bundestag ein Abgeordneter mit dem Anfangsbuchstaben Q oder eine Abgeordnete mit X. Unter den bisher 2831 Männern und Frauen, die seit 1949 das Volk vertreten haben, war noch nie eine oder einer. Immerhin gab es eine MdB mit dem Anfangsbuchstaben Y, Cornelia Yzer von der CDU gehörte Anfang der neunziger Jahre zum Bundestag, damals noch in Bonn.

          Die größte Altersgruppe stellen mit gut einem Drittel die Fünfzig- bis Neunundfünfzigjährigen

          Der Älteste der Älteren, die das noch erlebt haben, ist abermals Heinz Riesenhuber von der CDU. Er eröffnet als „Alterspräsident“ die erste Sitzung der 18. Legislaturperiode. Riesenhuber ist 77 Jahre alt und gehört dem Parlament seit 1976 an. Unübertroffen an Zugehörigkeit ist jedoch Wolfgang Schäuble, der seit 1972 dabei ist. Im neuen Abgeordneten-Handbuch werden zwölf Sternchen neben Schäubles Namen stehen, einer für jede Legislaturperiode und so viele wie bei keinem anderen. Der Durchschnittsabgeordnete bleibt zwei Wahlperioden, dann geht es zurück in den alten Beruf, zur Gewerkschaft, in die Anwaltskanzlei, in die frühere Firma.

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