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Bundestag gedenkt NS-Opfern : „Ein 2000 Jahre alter Virus“

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Die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch im Bundestag Bild: EPA

73 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hat Bundestagspräsident Schäuble an die Zerbrechlichkeit der Freiheit erinnert. Und die Holocaust-Überlebende Lasker-Wallfisch warnte bei der Gedenkstunde vor neu aufkeimender Judenfeindlichkeit.

          Der Bundestag hat am Mittwoch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hielt die Hauptrede und warnte vor neu aufkeimender Judenfeindlichkeit. „Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar“, sagte sie am Mittwoch in Berlin. „Nur sagt man heute nicht mehr unbedingt Juden. Heute sind es die Israelis.“ Dabei fehle es häufig am Verständnis der Zusammenhänge. „Was für ein Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssen“, sagte die 92 Jahre alte Frau.

          Lasker-Wallfisch überlebte das Vernichtungslager Auschwitz als Cellistin im Mädchenorchester des Lagers. Die Mitglieder mussten unter anderem für das Lagerpersonal spielen. Im Frühjahr 1945 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester Renate von britischen Truppen aus dem Lager Bergen-Belsen befreit. „Wer hätte gedacht, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden“, sagte sie mit Bezug auf die Verbrennungsöfen des Lagers.

          Nach dem Krieg habe Deutschland sich „exemplarisch“ verhalten, sagte Lasker-Wallfisch, die auch an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnerte. „Nichts wurde geleugnet.“

          „Die Menschenwürde ist verletzlich“

          Am vergangenen Samstag vor 73 Jahren hatte die Sowjet-Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

          „Die Menschenwürde ist verletzlich“, warnte der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) bei der Gedenkstunde im Bundestag. Um ihre Freiheit zu sichern, brauche eine Gesellschaft eine konsequente Haltung gegen jede Art der Ausgrenzung, bevor es zu spät sei. „Wie zerbrechlich die Freiheit, wie fragil die zivile Gesellschaft ist“, das sei die Lehre aus dem Nationalsozialismus. „Aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst uns nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu“, mahnte Schäuble.

          Zu der Gedenkstunde im Bundestag kamen auch junge Menschen aus Deutschland und seinen Nachbarländern, etwa aus Frankreich und Polen. Sie nehmen seit dem Wochenende an einer jährlichen Begegnung des Bundestages zum Tag des Gedenkens an die NS-Opfer teil. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahmen an der Veranstaltung teil.

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