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Bundestag : Atheisten, Maurer, Philosophen

Verschwommene Konturen: Viele Bundestagsabgeordnete geben ungern alles von sich preis Bild: REUTERS

Die Bundestagsabgeordneten repräsentieren das Volk. Denn auch sie haben ihre Geheimnisse. Markus Wehner weiß, wer was nicht von sich preisgeben will.

          5 Min.

          „Gläserner Abgeordneter“ - so lautet das neue Leitbild unserer Volksvertreter. Viele Bundestagsabgeordnete rechnen auf ihren Homepages ihr Einkommen und ihre Nebeneinkünfte auf Heller und Pfennig vor. Dazu sind sie verpflichtet. Aber nur dazu. Ob sie ihren Familienstand, ihren Glauben, die Anzahl ihrer Kinder oder ihren Beruf angeben, darüber können sie frei entscheiden. Solche Informationen könnten den potentiellen Wähler allerdings besonders interessieren. Weshalb Abgeordnete Privates oder scheinbar Privates preisgeben. Ganz durchschaubar sein wollen sie aber nicht.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Bei der Religion etwa hört es für viele der gegenwärtig 612 Parlamentarier, die unter der Kuppel des Reichstags Gesetze beschließen, mit dem öffentlichen Bekenntnis auf. In der Union - die einzige mehrheitlich katholische Fraktion - macht nur eine kleine Minderheit von 7 der 223 Abgeordneten keine Angaben zur Konfession (drei Prozent). Die Freien Demokraten verzichten schon zu einem guten Drittel auf Angaben zum Glaubensbekenntnis, in der SPD sind es 42 Prozent. Bei der „Linken“ wächst dieser Anteil auf die Hälfte der Abgeordneten. Und fast zwei Drittel der grünen Parlamentarier äußern sich in „Kürschners Volkshandbuch“ und ähnlichen Nachschlagewerken nicht dazu, an was sie glauben oder auch nicht.

          Nur eine Atheistin

          Die Gründe sind unterschiedlich: Die einen behalten ihre Konfession für sich, weil sie sich von Kirche oder Glauben entfernt haben. Manche fürchten, Nichtgläubige abzuschrecken. Andere wollen vermeiden, dass Gläubige durch ein Bekenntnis zum Atheismus abgestoßen werden. Nur eine einzige Abgeordnete, Simone Violka von der SPD, bezeichnet sich im Amtlichen Handbuch des Bundestages als Atheist - die Finanzbuchhalterin hat ihren Wahlkreis im Chemnitzer Land. Bei der SPD nennen sich ein Dutzend Abgeordnete konfessionslos. Die Mehrzahl von ihnen kommt aus Ostdeutschland.

          In der „Linken“ gehört es hingegen fast zum guten Ton, konfessionslos oder ohne Glaubensbekenntnis zu sein: 17 Abgeordnete (elf davon aus dem Osten) bekennen sich dazu. Das ist ein Drittel der 53 Abgeordnete zählenden Fraktion. Als Katholik oder Protestant „outen“ sich nur sieben „Linke“.

          Muslime gibt es fünf im Bundestag, je zwei gehören der „Linken“ und den Grünen an, eine der SPD. Juden fehlen in der deutschen Volksvertretung. Gregor Gysi, Fraktionschef der „Linken“, hat zwar einen jüdischen Hintergrund, bezeichnet sich aber als nicht religiös. Die geringe religiöse Vielfalt im Bundestag hat auch damit zu tun, dass wenige Deutsche mit Migrationshintergrund Abgeordnete sind - selbst wenn man etwa die katholische CDU-Abgeordnete Michaela Noll, die einen iranischen Vater hat, mitzählt, kommt man nicht über elf hinaus.

          Die Grünen sind am weiblichsten

          Zu ihrem Familienstand äußern sich immerhin rund neunzig Prozent der Abgeordneten, in der Regel mit „verheiratet“ oder „ledig“. Rund zwanzig Volksvertreter geben „geschieden“ an, einer „getrennt lebend“. Wenige verwenden den Begriff „Lebensgemeinschaft“ oder „feste Partnerschaft“. Sie kommen in der Mehrzahl von den Grünen. Drei grüne Abgeordnete geben ihre homosexuelle Partnerschaft als Familienstand an - in anderen Fraktionen bleibt man bei „ledig“ oder „nicht verheiratet“.

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