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Kabinett für Adoptionsreform : „War ich auch in deinem Bauch?“

Seit 1990 sind 150.000 Kinder adoptiert worden. Bild: dpa

Wenn sich eine Beziehung „verfestigt“ hat, sollen Partner auch ohne Ehe die Möglichkeit zur Stiefkindadoption bekommen. Familienministerin Giffey setzt außerdem auf bessere Beratung.

          3 Min.

          Seit 1990 sind 150.000 Kinder adoptiert worden, im Jahr sind es 4000, jeden Tag sind es mindestens zehn. Die Annahme eines Kindes endet keineswegs mit dem gerichtlichen Adoptionsbeschluss, sondern begleitet die Herkunftseltern, die Kinder und die Adoptivfamilien ein ganzes Leben lang. Mit zwei Gesetzentwürfen will die Bundesregierung nun die Möglichkeiten von Adoptionen und die Begleitung der beteiligten Familien verbessern.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Das Bundeskabinett hat am Mittwoch sowohl den Entwurf des Adoptions-Hilfegesetzes aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als auch den Gesetzentwurf zur Stiefkindadoption aus dem Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz beschlossen. Partner, die „eheähnlich“ seit vier Jahren mit dem Elternteil des Kindes zusammengelebt haben oder zusammenleben, sollen das Stiefkind künftig adoptieren können. Die Partnerschaft wird dann als „verfestigt“ angesehen.

          Vier Bausteine sollen Adoptionshilfe verbessern

          Über Änderungen wird der Bundestag bei der ersten Lesung der beiden Gesetzentwürfe Mitte Januar beraten. Nötig geworden war das neue Gesetz zur Stiefkindadoption nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. März dieses Jahres, in der die Gesetzgeber dazu verpflichtet wurden, bis zum 31. März 2020 eine Neuregelung für die Stiefkindadoption zu treffen, die eine Benachteiligung nichtehelicher Familien ausschließt.

          Beim Adoptionshilfe-Gesetz geht es darum, die rund 400 Adoptionsvermittlungsstellen in Deutschland bei inländischen und ausländischen Adoptionen viel stärker in die Beratung vor, während und nach der Adoption einzubinden. Vier Bausteine sollen die Adoptionshilfe verbessern. Das Gesetz soll erstens einen Rechtsanspruch auf Begleitung auch nach der Adoption sichern. Entschließt sich ein neuer Partner, das Kind aus erster Ehe seiner Partnerin zu adoptieren, ist eine Beratung durch die Adoptionsvermittlungsstelle verpflichtend.

          Nicht immer ist eine Adoption das Beste für das Kind, auch das soll geklärt werden. Schließlich sei eine Stiefkindadoption mit Pflichten und Rechten verbunden und „sie ist unumkehrbar“, man könne also nicht einfach das Kind zurückgeben, wenn es dann nicht mehr in die Lebensplanung passe, sagte Familienministerin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch nach der Kabinettsitzung in Berlin.

          Zweitens soll der Gesetzentwurf zu einem offenen Umgang mit dem Thema Adoption beitragen. „War ich auch in deinem Bauch“, fragt das adoptierte Kind vielleicht. Dann solle es altersgerecht über die Adoption aufgeklärt werden. Wie und wann das am besten geschieht, ist Gegenstand der Beratung. „Kinder müssen wissen, woher sie kommen“, sagte Giffey. Sie habe in den Gesprächen mit Adoptierten gelernt, dass diejenigen, „die nicht mit einem Geheimnis groß geworden sind“, im Erwachsenenalter besser mit der Adoption umgehen können. Mit 16 hat das Kind ohnehin ein Recht auf Akteneinsicht. Die Adoptiveltern werden spätestens dann auch über entsprechende Beratungs- und Unterstützungsangebote informiert.

          Außerdem soll die Vermittlungsstelle vor Beginn der Adoptionspflege mit den Herkunftseltern und den Adoptionsbewerbern erörtern, ob und wie ein Informationsaustausch oder Kontakt gestaltet werden kann. Wie viele Informationen die Adoptivfamilie freigibt, entscheidet sie selbst. Einen Anspruch auf allgemeine Informationen haben die Herkunftseltern aber auf jeden Fall. Die Adoptiveltern wiederum haben das Recht auf Sicherung der Informationen, deren Weitergabe nicht erwünscht ist.

          Mehr Rechtssicherheit und Rechtsklarheit

          Die Adoptionsvermittlungsstellen sollen drittens einen Katalog bekommen, der ihre Aufgaben klärt. Sie sollen außerdem durch ein Kooperationsgebot mit anderen Beratungsstellen wie der Schwangerschaftsberatung, der Erziehungsberatung und dem Allgemeinen Sozialen Dienst zu einem fachlichen Austausch ermuntert werden.

          Viertens sollen Auslandsadoptionen in jedem Fall durch die Adoptionsvermittlungsstelle begleitet werden. 176 der 3733 Adoptionen waren laut Familienministerium aus dem Ausland. Etwa ein Drittel läuft nach Schätzungen unbegleitet ab.

          Der Staat müsse genau hinschauen, um zu vermeiden, dass Kinder gegen den Willen der leiblichen Eltern adoptiert werden, heißt es in dem Entwurf. Solche Fälle gab es in Kambodscha und anderen Ländern. Kinderhandel müsse strikt verhindert werden. „Auslandsadoptionen ohne Begleitung einer Vermittlungsstelle werden untersagt.“ Für mehr Rechtssicherheit und Rechtsklarheit will das Familienministerium ein verpflichtendes Anerkennungsverfahren für ausländische

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