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Bundespräsidenten-Kandidatin Klarsfeld : Besuch der alten Dame

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Eine solche Forderung passte der SED ebenso wenig wie Zweigs Plädoyer für eine Akzeptanz des Judentums durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Albert Norden begründete seine Ablehnung einer Wiederveröffentlichung der Antisemitismus-Essays gegenüber Zweig so: „Mit der klassenlosen Gesellschaft, der wir in der DDR entgegengehen, werden die paar tausend Juden bei uns völlig assimilieren, ein Prozess, der schon im Gang ist (drüben in der Sowjetunion hat diese Assimilierung bereits entscheidende Etappen hinter sich gebracht).“ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wurde in der DDR eine Diskussion über Fragen stillgestellt, denen sich Beate Klarsfeld mit all ihrem Engagement im Westen gewidmet hat. Es scheint, dass sie dies 1968 ebenso wenig bekümmerte wie die Rolle früherer Nazis im Staatsdienst der DDR.

Eine Woche nach der Ohrfeige unterrichtete die Westabteilung des SED-Zentralkomitees die Parteiführung über den Stand der Anti-Kiesinger-Kampagne. Die Abteilung Auslandsinformation und der DDR-Nationalrat hätten alles unternommen, um „auf maximale Auswertung und Fortsetzung der Aktion von Frau Klarsfeld hinzuwirken“. Sie werde am 18. November in Berlin eintreffen und im DDR-Radio ein Interview geben.

„Kiesinger war kein Nazi“

Außerdem habe sich der „Stern“ nach „uns vorliegenden Informationen die Exklusivrechte für die besten Fotos von der öffentlichen Ohrfeigung Kiesingers auf dem CDU-Parteitag beschafft“ und werde „entsprechende Bildreportagen in einer nächsten Nummer veröffentlichen“. Am Ende des mehrseitigen Berichts „über die umfassende auslandinformatorische Auswertung der Aktion“ hieß es, „die koordinierende und zentralisierende Aufgabe im Gesamtsystem der DDR hat dabei der Minister für Auswärtige Angelegenheiten übertragen bekommen“. Die Verantwortung für die „Auslandspropaganda“ in den skandinavischen Ländern lag damals - auch das war im Westen bekannt - in den Händen von Kurt Nier, einem ehemaligen Angehörigen der NSDAP im Gau Sudetenland.

Ein weiterer ebenfalls durch westliche Veröffentlichungen bekannter früherer NSDAP-Mann in SED-Diensten war der Chefkommentator der „Berliner Zeitung“, Karl-Heinz Gerstner. Er war im besetzten Frankreich an der deutschen Botschaft in Paris tätig und nach dem Ende der NS-Diktatur zunächst Informant der sowjetischen und dann der DDR-Geheimpolizei. In seiner Autobiographie, die nach dem Ende der DDR erschien, entlastete Gerstner seinen früheren Repetitor und Duzfreund Kiesinger postum: „Kiesinger war kein Nazi. Er war überhaupt nicht der Typ. Ihn beherrschten konservative Vorstellungen, liberale und nationale Überzeugungen.“

Kiesinger habe ihm 1942 anlässlich eines Paris-Besuches seine grundsätzliche Ablehnung Hitlers zu erkennen gegeben und die Frage gestellt, ob sich denn kein mutiger Mann finde, „der diesen Verbrecher über den Haufen schießt“. Zur DDR-Zeit verschwieg der wortgewaltige Chefkommentator des SED-Blattes geflissentlich, was er über den Bundeskanzler zu sagen hatte.

Gleiches Muster wie das Vorspiel von 1968

In der Nacht des 24. November 1968 warfen Unbekannte mit Ziegelsteinen die Fensterscheiben der Wohnungen des Richters und des Oberstaatsanwalts ein, die am Schnellverfahren gegen Beate Klarsfeld beteiligt waren. Im August 1969 setzte das Berliner Kammergericht die gegen Frau Klarsfeld verhängte Strafe auf eine viermonatige Bewährungsstrafe herab. Die SED ging bald wegen der proisraelischen Haltung von Beate und Serge Klarsfeld auf Distanz zu dem Ehepaar. Die Sache mit den Nazis in westdeutschen Führungspositionen verlor durch die Entspannungspolitik für die SED-Führung ohnehin an Bedeutung.

Die Wiederentdeckung von Beate Klarsfeld durch die SED-Nachfolgepartei aber folgt heute dem gleichen Muster wie das kurze und heftige Vorspiel von 1968. Frau Klarsfeld nützt trotz ihres Eigensinns in Sachen Israel und Sarkozy dem aktuellen Parteigeschäft.

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