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Bundespräsidenten-Kandidatin Klarsfeld : Besuch der alten Dame

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Am 7. November 1968 wurde Beate Klarsfeld schlagartig zum Superstar der west- und ostdeutschen Linken. Die Nachricht von der Ohrfeige für Kiesinger ging um die Welt. Noch am gleichen Tag wurde Frau Klarsfeld in einem Schnellgerichtsverfahren zu einem Jahr Haft verurteilt. Am frühen Abend nach dem Gerichtsverfahren erschien sie in Begleitung ihres Anwalts Horst Mahler auf einer Diskussionsveranstaltung in der Freien Universität Berlin, wo sie mit demonstrativem Beifall von den etwa 1500 Anwesenden begrüßt wurde. Danach aber wandten sich die Versammelten rasch wieder ihrem eigentlichen Thema zu, der Frage, ob die Außerparlamentarische Opposition (APO) nicht nur „Gewalt gegen Sachen“, sondern auch „Gewalt gegen Personen“ anwenden dürfe.

Im Jahr 1968: Beate Klarsfeld gibt eine Pressekonferenz am Abend des Tages, an dem sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte Bilderstrecke

Anlass der Kontroverse zwischen gemäßigten und radikalen APO-Leuten war die „Schlacht am Tegeler Weg“, in deren Verlauf am 4. November 1968 mehr als 130 Polizisten durch Steinwürfe von Demonstranten verletzt worden waren. Die gewaltsamen Proteste galten einem Ehrengerichtsverfahren gegen Horst Mahler, das die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den umtriebigen APO-Anwalt angestrengt hatte. Es endete mit Mahlers Freispruch. Für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) erklärte Christian Semler hernach, die gewaltsame Demonstration vom 4. November 1968 sei vor allem deswegen ein Erfolg, weil sich gezeigt habe, dass die „Bekämpfung von Polizeiketten durch massiven Steinwurf“ möglich sei. Beate Klarsfelds Ohrfeige für den Bundeskanzler war für die Neuen Linken in West-Berlin angesichts der Diskussion über die „Gewaltfrage“ zu diesem Zeitpunkt eher eine Lappalie.

„Völlig illusionäre, naive Einstellung“

Das galt nicht für die alten Linken in Ost-Berlin. Einen Tag nach der Ohrfeige unterrichte das für die Unterstützung Klarsfelds zuständige Mitglied des SED-Politbüros, Albert Norden, Parteichef Ulbricht ausführlich über die „Person und politische Einstellung von Beate Klarsfeld und ihre Verbindungen zu uns“. Klarsfeld, damals 29 Jahre alt, beziehe eine militant antifaschistische Haltung. „Ihre politischen Aktivitäten reduziert sie allerdings ausschließlich, das aber mit aller Vehemenz, gegen Kiesinger, aufgrund seiner Nazivergangenheit. Ihre gesamte politische Haltung ist von starkem Subjektivismus geprägt.“ Ihre im Vorjahr „noch völlig illusionäre, naive Einstellung zur ,neuen Ostpolitik‘, zu W. Brandt und zur SPD insgesamt, hat sich weitgehend verändert. Deshalb ist sie auch zu einer recht klaren Einschätzung der Ereignisse in der CSSR gekommen, was durch Artikel in französischen Zeitungen dokumentiert ist.“ Beate Klarsfeld habe in den letzten zwei Jahren „in immer stärkerem Maße Verbindungen zur DDR gesucht“ und um konkrete Unterstützung ihrer Aktivitäten gebeten. Sie habe diese auch weitgehend erhalten und das zur Verfügung gestellte Material optimal ausgenutzt. Der Kontakt zu ihr erfolge unter Einhaltung der angebrachten Vorsichtsmaßnahmen. „Mehrfachen Bitten von Beate Klarsfeld, ihre Aktionen finanziell zu unterstützen, wurde nicht entsprochen.“

Albert Norden trug in der SED-Führung 1968 jedoch nicht nur die Verantwortung für die „antifaschistische“, sondern auch für die antiisraelische DDR-Propaganda. Der Sohn eines liberalen Rabbiners war in den frühen zwanziger Jahren aus der zionistischen in die kommunistische Jugendbewegung übergetreten. Fortan bekämpfte er in KPD-Publikationen die Idee des eigenen Judenstaates als „Speerspitze des englischen Imperialismus gegen die arabischen Völker“. In der DDR wandte sich Norden 1959 gegen eine Wiederveröffentlichung der Essays von Arnold Zweig über die „Antisemitische Welle“ von 1919. In der Zeitschrift „Die Weltbühne“ hatte Zweig nach dem Ersten Weltkrieg gefordert: „Das jüdische Volk erhält ein Land, sein Land: Palästina.“

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