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Bundespräsident Wulff : Als Könige verkleidet

„Wer an fremden Türen klopft und vor fremden Türen singt, der hat auch später Mut im Leben“: Bundespräsident Wulff empfängt mit seiner Frau Bettina die Sternsinger in Schloss Bellevue Bild: dapd

Bundespräsident Christian Wulff hatte am Freitag nicht den Emir, sondern die Weisen aus dem Morgenland zu Gast. Sie brachten Gold, Weihrauch, Myrrhe - und einen Hauch von Normalität. Doch in Bellevue und im Kanzleramt weiß man: Es gibt keinen Moment, an dem man sagen kann, die Sache ist vorbei.

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          Bettina Wulff scheint Sorge zu haben, dass der Junge stürzt. Behutsam hält sie die Rechte hinter den Rücken des Sternsingers, der auf die Leiter klettert, um mit weißer Kreide den Segensspruch auf die Tür von Schloss Bellevue zu schreiben. Mit der Linken hebt sie den Saum des Königsgewands, damit er nicht darüber stolpert. „Der höchste Mann im Staat hat uns zu sich herbeigerufen. So stehn wir nun vor seiner Tür auf riesengroßen Stufen“, sagen die Kinder auf. „Die Zeichen für den Segen Gottes wollen wir nun schreiben. Sie sollen wie der Segen selbst das ganze Jahr hier bleiben.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Wie jedes Jahr ziehen eine halbe Million Kinder um den Dreikönigstag durch die Gemeinden in Deutschland und bitten um eine Spende für einen guten Zweck. Wie jedes Jahr wird eine Gruppe auch vom Bundespräsidenten öffentlich empfangen. Das aber geschieht nicht alle Jahre - dass sich zu diesem Termin eine Hundertschaft von Journalisten einfindet. Wie bei einem Gipfeltreffen rangeln die Kameraleute um die Plätze in der ersten Reihe, lange bevor die Sternsinger ankommen, hektisch klicken die Auslöser, als zwei Soldaten des Wachbataillons strammstehen und die Tür sich öffnet. Es ist aber nicht der Präsident von Amerika, der herauskommt, sondern nur der Botschafter von Sambia.

          Als sich dann die bunte Schar eingefunden hat, tritt auch der Hausherr aus der Türe, der Bundespräsident samt Gemahlin, beide ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Christian Wulff hat die Nerven, selbst anzudeuten, weshalb der „Medienansturm“ gerade stattfindet, und dem etwas Gutes abzugewinnen: Dann werde endlich einmal der Einsatz der Sternsinger richtig gewürdigt. „Wer an fremden Türen klopft und vor fremden Türen singt, der hat auch später Mut im Leben.“ Er glaube sogar, dass ihm selbst seine Sternsingerzeit geholfen habe, mit Mut für seine Sache einzustehen. Jedenfalls meint er vermutlich sich selbst; er spricht mehrfach von „man“. Wie in seinem öffentlich-rechtlichen Interview vom Mittwoch: „Man ist auch nur Mensch.“

          Die Botschaft des Präsidenten

          Mut auf dem Fürstenthron, gegen den Medienansturm: Das ist die Botschaft des Präsidenten. Und: „Wir alle sollen ja auch ein Segen sein und kein Fluch.“ Auch Wulff scheint zu hoffen, dass der Sternsingersegen das ganze Jahr über halten möge und die Kritik an ihm mit dem Jahr 2011 verflossen sei. Er sei froh, dass „das Jahr 2012 nun losgeht und man sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuwenden kann“.

          Ehepaar Wulff: Eine moderne deutsche Patchwork-Familie

          Doch vorbei ist noch nichts. Noch während der Präsident die Sternsinger empfängt, wird Regierungssprecher Steffen Seibert in der Bundespressekonferenz nach Wulff gefragt. Greift die Kanzlerin in den merkwürdigen Schlagabtausch zwischen dem Präsidenten und dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung ein? Soll Wulff der Forderung zustimmen, dass die Aufzeichnung seines Anrufs auf dem Telefon von Kai Diekmann veröffentlicht wird? Seibert muss nicht einmal auf seinen Sprechzettel schauen: „Die Entscheidung, ob diese Mailbox-Nachricht veröffentlicht werden kann, liegt ausschließlich zwischen der ,Bild‘-Zeitung und demjenigen, der diese Nachricht hinterlassen hat, dem Bundespräsidenten.“ Da sich der Bundespräsident auf Anfrage der Redaktion gegen eine Veröffentlichung entschieden habe, sei dies „zu respektieren und wird von der Bundeskanzlerin nicht kommentiert“.

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