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Deutsche Kriegsverbrechen : Verantwortung ohne Schlussstrich

  • -Aktualisiert am

Gemeinsame Geste: Mattarella und Steinmeier in Fivizzano Bild: Reuters

In Fivizzano haben Nationalsozialisten im Jahr 1944 Massaker an der Bevölkerung verübt. Bundespräsident Steinmeier redet über frühere Greuel – und heutige Gefahren.

          4 Min.

          Es waren einige hundert Menschen gekommen, die in der sonntäglichen Mittagshitze ausharrten. Die Fenster der Häuser rund um den Marktplatz des toskanischen Ortes Fivizzano waren geöffnet, aus manchen hing die italienische Flagge. Gleich zwei Präsidenten erwarteten die Anwohner geduldig. Ihren eigenen, Sergio Mattarella, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Beide waren gekommen, um zu gedenken und zu mahnen. Zu gedenken der Opfer des Nationalsozialismus in der Region, zu mahnen, dass solche Verbrechen sich niemals wiederholen. Dass Europa nicht mehr zurückfalle in aggressiven Nationalismus. Das Städtchen in der Toskana war gewählt worden, weil hier im Jahr 1944 Nationalsozialisten Hunderte Zivilisten töteten.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Mattarella, der viel Beifall erhielt, zitierte den italienischen Schriftsteller und Holocaustüberlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Ohne dass er die rechtspopulistische und sehr europakritische Bewegung in Italien, die gerade so viel Zuspruch hat, ausdrücklich erwähnen musste, wusste jeder im Publikum, wer zumindest auch gemeint war. Vor ihm hatte Enrico Rossi gesprochen, der Präsident der Region Toskana, und er wählte ebenfalls deutliche Worte: „In Europa kommt es zu neuen Mauern, es gibt eine neue Art von Nationalismus. Man behauptet, es gebe eine Invasion.“ Man spreche wieder von „Rassen“, sagte Rossi. Er nannte das einen „schweren Fehler“.

          Das Gebiet der heutigen Verbandsgemeinde Fivizzano war während der Zeit der deutschen Besatzung Italiens im Zweiten Weltkrieg mehrfach Schauplatz deutscher Kriegsverbrechen gewesen. Zwischen dem 5. Mai und dem 13. September 1944 wurden in den Ortsteilen Mommio, San Terenzo, Bardine di San Terenzo, Vinca und Tenerano mehrere hundert Zivilisten getötet, maßgeblich von Mitgliedern der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ unter Führung von SS-Sturmbannführer Walter Reder. Die Deutschen betrachteten ihre Tötungsaktionen gegen Zivilisten, unter ihnen viele Frauen und Kinder, als Vergeltungsmaßnahmen nach Partisanenangriffen oder als „Säuberungsmaßnahmen“.

          Steinmeier hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen. Er hielt seine 15 Minuten lange Rede in der drückenden Wärme im Zelt auf dem Marktplatz von Fivizzano auf Italienisch. Er hatte das bei anderer Gelegenheit schon einmal gemacht und sich offenbar gut vorbereitet. Er spricht ein ordentliches Italienisch, das er kraftvoll vortrug. Als er sagte, er stehe hier als deutscher Bundespräsident und empfinde „ausschließlich Scham über das, was Deutsche Ihnen angetan haben“, wurde seine Rede von starkem Beifall unterbrochen. „Es ist eine Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt.“

          „Wer vergisst, wird anfälliger für Intoleranz“

          Steinmeier dürfte nach Auskunft des Bundespräsidialamtes zwar „in Kürze“ zu einem Staatsbesuch nach Italien reisen. Dazu hatte ihn Mattarella bei dessen Besuch in Berlin im Januar eingeladen. Doch hat der Bundespräsident sich entschieden, das Gedenken ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu trennen von den politischen Gesprächen, die bei Staatsbesuchen üblich sind. Er wollte nicht, dass es nur ein Tagesordnungspunkt unter mehreren ist. Daher die gesonderte Reise am Sonntag. Er ist schon mehrfach an italienische Orte gereist, an denen deutsche Soldaten zu Zeiten des Nationalsozialismus Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hatten. In seiner Zeit als Außenminister hatte Steinmeier mit dem italienischen Außenminister Franco Frattini 2008 eine deutsch-italienische Historikerkommission ins Leben gerufen, die das deutsche Vorgehen in ihrem Abschlussbericht als „Krieg gegen die Zivilbevölkerung“ bezeichnet und zahlreiche Projekte betreibt zur Aufarbeitung.

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