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Deutsche Kriegsverbrechen : Verantwortung ohne Schlussstrich

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Steinmeier stellte seine Worte und seinen Besuch in den Zusammenhang der von ihm kritisch beurteilten Entwicklung Europas. Wer um die Vergangenheit wisse, der werde besser gerüstet sein für eine gemeinsame europäische Zukunft. „Wer aber vergisst, ist schwächer, der wird anfälliger für Intoleranz und Gewalt.“ Man dürfe nicht vergessen, „damit unser Bewusstsein nicht wieder verführt wird und sich verdunkelt“.

Es gibt auch tröstliche Worte

Das gemeinsame Europa, so sagte der Bundespräsident in Fivizzano, gründe auf dem Wissen um die Verführbarkeit des Menschen. Es gründe auch auf einem Versprechen, dass es nie wieder entfesselten Nationalismus und Krieg auf dem europäischen Kontinent gebe, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt. „Daran müssen wir uns erinnern, gerade in Zeiten, in denen das Gift des Nationalismus wieder einsickert in Europa.“ Diese Aussage von präsidialer Grundsätzlichkeit dürfte auch gedacht gewesen sein als Botschaft an die europakritischen Kräfte in der italienischen Regierung.

Einige seiner Zuhörer, so wandte sich Steinmeier an diese, empfänden das Leid sicherlich als noch größer, weil die meisten Täter nie zur Rechenschaft gezogen worden seien. In Deutschland habe es viel zu lange gedauert, bis sich an die deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Italien erinnert worden sei. Auch die juristische Aufarbeitung habe in Deutschland „viel zu spät“ begonnen. Deutschland sei damit seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Doch fand der Bundespräsident auch Tröstliches, so „unwahrscheinlich, ja unbegreiflich das erscheinen möge“. Er empfinde in Fivizzano auch Dankbarkeit. „Denn Fivizzano ist heute nicht allein ein Ort des Gedenkens, sondern ein Ort der Versöhnung und der Begegnung geworden.“

Bereitschaft zur Versöhnung und Freundschaft

Das gebe ihm Hoffnung, das gebe den Deutschen Hoffnung – „und ich glaube, das kann allen Menschen Hoffnung geben“. Zu verdanken sei diese Hoffnung vor allem den Überlebenden und Nachfahren, von denen so viele bereit gewesen seien, „die Hand zu reichen über den Abgrund unserer Geschichte hinweg“.

Zu verdanken sei es jedoch auch Menschen wie Udo Sürer, sagte Steinmeier an die Adresse des ebenfalls nach Fivizzano gekommenen Deutschen. Sürer, ein Anwalt aus Lindau, wurde zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Sein Vater war beteiligt an den Verbrechen in Fivizzano. Der Sohn hat diesen dunklen Teil der Familiengeschichte aufgearbeitet und war schon vor geraumer Zeit nach Fivizzano gereist und hatte Kontakt zu den Einwohnern gesucht. Man machte ihn zum Ehrenbürger der Gemeinde. „Sie hatten den Mut, sich der Vergangenheit Ihres Vaters zu stellen und hier nach den Spuren dieser Vergangenheit zu suchen – und das Gespräch zu suchen“, sagte Steinmeier zu Sürer. Vergebung und Versöhnung könne man nicht verlangen, sie könnten nur gewährt werden. „Wir Deutschen sind zutiefst dankbar für die Bereitschaft zur Versöhnung und die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern, die daraus erwachsen ist.“

Heute umfasst die Gemeinde Fivizzano in der Region Toskana fast hundert Dorfteile, es leben dort insgesamt 7500 Einwohner. Steinmeier traf sich am Sonntag auch mit zwei Überlebenden der Massaker. Luisa Chinca, eine Rentnerin, die in San Terenzo Monti lebt, war fünf Jahre alt, als am 19. August 1944 ihre Mutter, vier Tanten väterlicherseits und ein Cousin von den Deutschen ermordet wurden. Andrea Quartieri, der in Vinca lebt, war 13 Jahre alt, als er dort am 24. August 1944 ein Massaker überlebte. Bei diesem starben seine Großeltern mütterlicherseits und mehrere seiner Cousins.

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