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Bundespräsident Steinmeier : Ein fugenloser Wechsel

Erster präsidialer Auftritt: Frank-Walter Steinmeiers bei seiner Antrittsrede im Bundestag. Bild: dpa

Auch Deutschlands politisches „Establishment“ besteht nicht nur aus Übermenschen. Doch würde man Lammert, Dreyer, Gauck oder den neuen Bundespräsidenten Steinmeier gegen Trump oder gar Erdogan tauschen wollen?

          Der Außenminister schimmerte noch etwas durch, als der zwölfte deutsche Bundespräsident sich in seiner Antrittsrede den türkischen Präsidenten vornahm, der völlig außer Kontrolle geraten zu sein scheint. Steinmeier nutzte den besorgniserregenden Kurs der Türkei als Einstieg in das Thema, das sich durch seine Amtszeit ziehen wird: Wie verhindert man, dass müde oder wütend gewordene Demokraten der sich ausbreitenden „Faszination des Autoritären“ erliegen? Gegen diese ist, da hat Steinmeier recht, auch das gebrannte Deutschland nicht vollkommen immun.

          Das Rezept des neuen Staatsoberhauptes dagegen ist, darin unterscheidet er sich kaum von seinem Vorgänger: Mut. Den verordnete er den Deutschen in seiner Rede so oft, dass auch der Verzagteste es nicht überhören konnte. Denn Angst essen nicht nur Seele auf, wie ein Film von Rainer Werner Fassbinder hieß, sie ist auch die Grundlage für das Geschäftsmodell der Populisten und „starken Männer“ aller Länder. Die müssen freilich den Beweis erst noch erbringen, dass ihre Vorschläge und Methoden bessere Ergebnisse erzielen als die mühsamen und ebenfalls fehlbaren Prozesse der parlamentarischen Demokratie. Die Deutschen sind mit diesem Modell jedoch so gut gefahren, dass der republikanische und aufgeklärte Stolz auf das seit dem Krieg Erreichte, von dem auch Steinmeier sprach, berechtigt ist. Verglichen mit anderen europäischen Ländern, steht Deutschland nicht nur ökonomisch sehr gut und stabil da, sondern auch sozial und politisch.

          Es muss sich auch, obwohl das ein zunehmend beliebter Sport ist, nicht seiner „Eliten“ schämen. Auch hierzulande bestehen die Führungsschichten nicht allein aus vollkommen selbstlosen, bescheidenen und weisen Übermenschen. Doch würde man einen der Politiker, die am Mittwoch redeten – Lammert, Dreyer, Gauck, Steinmeier –, gegen Trump, Le Pen, Putin oder gar Erdogan eintauschen wollen? In der Top-Liga der deutschen Politik stößt man nur sehr selten auf Mentalitäten und Verhaltensweisen, die anderswo üblich sind. Steinmeier ließ sich keine Anzüge spendieren, er spendete seiner Frau eine Niere. Ob er auch für das Land tatsächlich ein „Glücksfall“ ist, wie seine Parteifreundin Dreyer sagte, wird sich in den nächsten fünf Jahren zeigen. Eines belegt der Wechsel vom Glücksfall Gauck zum Glücksfall in spe Steinmeier jedoch schon: Die Welt mag aus den Fugen sein, Deutschland ist es (noch) nicht.

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