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Bundespräsident Gauck : Zu Besuch in der Realität

„Da brauchen wir viele Lehrer“: Gauck zwischen Schülern in Mannheim Bild: dpa

Bundespräsident Gauck ist nach Mannheim gereist. Um der „wirklichen Wirklichkeit“ zu begegnen, wie er sagt. Also auch: Armutseinwanderern aus Südosteuropa. Anders als sein Vorgänger will er sich einmischen.

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          „Viel zu lange ist nichts passiert, viel zu lange nichts kapiert, viel zu lange nur geträumt“, singen die Grundschüler der Mannheimer Neckarschule. Sie sitzen unter einem weißen Zelt, an der rechten Seite steht der Musiklehrer und gibt die Einsätze, links stehen Bundespräsident Joachim Gauck, der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz und Landesintegrationsministerin Bilkay Öney (beide SPD). Die Kinder können wirklich gut singen, wer sie sieht, käme nicht auf die Idee, auf dem Schulhof im Mannheimer Brennpunktviertel Neckarstadt West zu sein. So ist das eben, wenn für Politiker Termine vorbereitet werden. Gauck hat gerade eine gute Stunde mit Eltern, Kommunalpolitikern und Lehrern gesprochen über die Integrationsprobleme der Neckarstadt-West. „Ich möchte der wirklichen Wirklichkeit begegnen“, sagt Gauck kurz nach dem Gespräch.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Wirklichkeit steckt eher in der Statistik als in der Anschauung: 331 Schüler hat die Grundschule, 58 haben die deutsche Staatsangehörigkeit, von ihnen wiederum stammen 18 aus einer Einwandererfamilie. 273 Schüler haben keine deutsche Staatsangehörigkeit, und man muss davon ausgehen, dass sie ihre Muttersprache besser beherrschen als die deutsche Sprache. Viele Kinder stammen aus Familien, die vor wenigen Jahren oder Monaten aus bulgarischen oder rumänischen Armutsregionen nach Mannheim gekommen sind. Für sie hat die Stadt Mannheim Vorbereitungsklassen eingerichtet, um sie schulfähig zu machen. Der Bundespräsident nimmt auch am Unterricht einer solchen Vorbereitungsklasse teil. „Es war eine Begegnung mit Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren in einem Vorbereitungskurs, die keine oder geringe Deutschkenntnisse haben“, berichtet er. Gauck ist sichtlich überrascht von den großen Sprachdefiziten der Schüler: „Oh, dafür brauchen wir viele Lehrer. Da wird es noch viele Gespräche geben müssen, die ich auch mit Abgeordneten führen will.“

          Mehr Geld für niederschwellige Integrationskurse

          Der Bundespräsident ist mit einer doppelten Mission nach Mannheim gekommen: Er will die Bemühungen der seit Jahrzehnten sozialdemokratisch regierten Stadt für eine bessere Integration der EU-Bürger aus Südosteuropa als vorbildlich würdigen. Gauck will aber auch ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Minderheiten setzen. Er formuliert die Gefahr, die er sieht, deutlich: „Kehren wir zurück zu den alten Vorurteilen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen oder bekennen wir uns offen zu einer integrationsbereiten Zivilgesellschaft.“ Mit „bestimmten Bevölkerungsgruppen“ sind die Sinti- und Roma gemeint. „Die Stadtteile sind überfordert, sie brauchen natürlich Hilfe, es reicht nicht in der EU, nur die Freizügigkeit herzustellen“, sagt Daniel Strauß, der Landesvorsitzende des Sinti-Roma-Verbandes.

          Gauck fühlte sich Anfang des Jahres nach einem Gespräch mit Vertretern der Sinti- und Roma motiviert, sich die Situation konkret in einer Stadt anzuschauen. Deshalb ließ er diesen Arbeitsbesuch in der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs vorbereiten. Während sein Vorgänger Christian Wulff zwar die „bunte Republik Deutschland“ vollmundig proklamierte, aber nie einen ähnlichen Besuch machte, will Gauck sich einmischen. „Ich bin nicht gekommen, um Spitzenforschungseinrichtungen oder vorbildliche Gymnasien oder Gemeinschaftsschulen anzuschauen. Wir haben Integrationsprobleme, und zusätzlich zu diesen Problemen haben wir noch ein Spezialproblem.“ Demnächst will er sich auch in Berlin und Nordrhein-Westfalen noch ein Bild von der Situation machen; die Diskussion dürfte ohnehin wieder an Intensität gewinnen, wenn die zum Thema Armutseinwanderung eingesetzte Bund-Länder-Kommission Ende des Jahres ihre Ergebnisse vorlegt. Der Mannheimer Oberbürgermeister hält es für notwendig, das Programm soziale Stadt wieder mit mehr Geld auszustatten, auch will er vom Land mehr Geld für niederschwellige Integrationskurse.

          Der Pfarrer und der Zigeuner-Boxer

          Quartiermanager Gabriel Höfle lauscht den Worten des Bundespräsidenten und erinnert daran, dass die Brennpunktstadtteile Jungbusch und Neckarstadt-West auch Fortschritte gemacht haben, es gebe das Kulturfestival „Lichtmeile“ und viele kleine Erfolge. „Wer integriert werden soll, der muss auch sichere Einkünfte haben, damit er eine Wohnung und die Sprachkurse des Bundesamtes für Migration bezahlen kann, die kosten 600 oder gar 900 Euro.“ Die Stadt bietet zusätzlich niederschwellige Integrationskurse an, fördert die Einrichtung von Vorbereitungsklassen in den Grundschulen und setzt „Integrationslotsen“ ein. Die sollen die Einwanderer aus Südosteuropa aus den Händen von Schleppern, kriminellen Vermietern mit Wucherpreisen und zweifelhaften Arbeitgebern befreien. Dennoch gibt es durch die „Armutseinwanderung“ soziale Spannungen zwischen alteingesessenen Mannheimern und den Einwanderern, auch wenn der runtergekommenen Mietshäuser weniger geworden sein sollen. Die Zahl der Armutseinwanderer in Mannheim hat sich seit dem EU-Beitritt 2007 vervierfacht, derzeit sind in der Stadt im Norden Baden-Württembergs 6500 Bulgaren und Rumänen gemeldet. Die wenigsten sind Studenten, in der Mehrheit sind es Menschen, die in völlig überteuerten Massenquartieren untergebracht sind und die für Ausbeuter-Löhne in Schlachtereien oder auf dem Bau arbeiten.

          Auch in Mannheim hat es mehrere Jahre gedauert, bis man die Schwierigkeiten politisch analysierte, bis man über integrative und ordnungspolitische Maßnahmen nachdachte, noch länger hat man gebraucht, bis man - aus historisch verständlichen Gründen - über die speziellen Schwierigkeiten eines Teils dieser neuen Einwanderergruppe sprach, also die Sinti und Roma.

          Nach dem Besuch der Schule hört sich der Bundespräsident eine Lesung in einer kleinen Kunstgalerie an. An der Wand hängt ein großes Foto, es zeigt eine Einwanderin mit ihrer Tochter, die auf einem alten Ledersofa sitzt und versucht optimistisch zu schauen. Gauck nimmt auf einer kleinen Bühne Platz, es zahlen sich die sozialen Kompetenzen eines Pfarrers aus, denn zwischen dem Bundespräsidenten und den zuhörenden Schülern gibt es keinen gefühlten Graben. Ein Schauspieler liest aus dem Stück „Zigeuner-Boxer“ vor, eine authentische Geschichte über einen Sinto, der deutscher Meister im Halbschwergewicht wurde und der in einem Konzentrationslager umkam. Gauck erinnert an die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nazis, er will über Diskriminierung reden, doch den Schüler aus den Einwandererfamilien fällt das schwer. In der Pause sei es meistens einfacher, miteinander ins Gespräch zu kommen, er müsse aber nun weiter. „Wenn ich mich so umschaue“, sagt Gauck, „dann fühle ich mich in meinem Land zu Hause.“ Beim Rausgehen jubeln ihm einige Bewohner der Neckarstadt zu, einige halten eine bulgarische Fahne hoch, andere eine mit dem Stadtwappen Mannheims.

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