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Bundespräsident in Gera : Auf Kaffeetour

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft sich mit Bürgern aus Gera im Café Kanitz. Bild: dpa

Frank-Walter Steinmeier lädt überall in Deutschland an seine Kaffeetafel. In Gera spricht der Bundespräsident mit einem Fußballtrainer, einer Lehrerin aus Syrien, einem Maurermeister und einer AfD-Stadträtin.

          3 Min.

          Am Hermsdorfer Kreuz ist Thüringen zu Ende, so lautet ein gängiger Satz in Gera. Die Stadt liegt östlich des Kreuzes der Autobahnen vier und neun, eingeklemmt zwischen dem südwestlichen und nordwestlichen Sachsen, und weit entfernt vom Ruf, den etwa Jena und Weimar deutschlandweit haben. Gera hat das Image einer Stadt, aus der die Leute seit 30 Jahren wegziehen. Das erzählen auch einige Teilnehmer am Montag im Café Kanitz am Markt, in das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf seiner Tour durch die Provinzen Deutschlands eingeladen hat.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          15 Bürger aus Gera sitzen mit ihm am Tisch, darunter ein Fußballtrainer, ein Maurermeister, eine Fremdenführerin, der Intendant des örtlichen Theaters, ein Schülersprecher, eine AfD-Stadträtin und eine Lehrerin aus Syrien. Sie alle haben zum Teil sehr unterschiedliche Meinungen über die Ursachen der Probleme ihrer Stadt – und verschiedene Vorstellungen, wie diese zu beheben sind.

          „Dem anderen ins Gesicht schauen“

          Genau darum gehe es ihm, sagt Steinmeier. „Es gibt viel zu oft Gespräche unter Leuten, die alle ohnehin einer Meinung sind“, sagt er zu Beginn. Mit anderen Auffassungen konfrontiert zu werden, sei gerade in Zeiten sozialer Netzwerke eher eine Seltenheit. „Wir müssen wieder einüben, andere Meinungen und Reaktionen in Respekt voreinander auszutauschen“. Das gehe gemeinsam an einem Tisch besser als im Internet. „Dem anderen ins Gesicht zu schauen, verändert auch die Sprache“, sagt Steinmeier, der auf der Tour im vergangenen Jahr bereits Erfahrungen sammeln konnte.

          In Gera ist der überraschende Befund zunächst, dass die Lage doch besser als die Stimmung ist. Den meisten Leuten gehe es gut, berichten zwei Laden-Inhaberinnen. Auch die Jugend am Tisch ist optimistisch: Es gebe jede Menge Lehrstellen und viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, man müsse sie nur ergreifen. Der Fußballtrainer berichtet, dass neuerdings Leute zurückkehrten und wieder mehr Mannschaften gebildet werden könnten.

          Das sehen mehrere ältere Teilnehmer anders. Es fehle an Industriearbeitsplätze, viele Auszubildende seien unfähig und unmotiviert, in den Schulen falle reihenweise Unterricht aus, weil es zu wenige Lehrer gebe. Um einen Arzttermin zu bekommen, brauche man Beziehungen. „Und über den Bürokratieabbau wird jedes Jahr gesprochen“, sagt ein Handwerker. „Aber ändern tut sich gar nichts.“ Eine Frau aus Syrien wundert sich über die hohen Hürden. Sie habe in ihrem Heimatland 20 Jahre lang als Gymnasiallehrerin gearbeitet. Aber in Deutschland dürfe sie trotz akuten Lehrermangels nicht unterrichten. „Es wäre schon schön, wenn mein Abschluss anerkannt werden würde“, sagt sie. Jetzt studiere sie Sozialarbeit. „Nun fange ich mit 45 Jahren noch mal was ganz anderes an.“ Andere erzählen von der Blüte der Stadt zu DDR-Zeiten, als Gera Industriestandort und Bezirkshauptstadt war und 130.000 Einwohner hatte. Heute leben 40.000 Menschen weniger hier.

          Tour durch Shisha-Bars

          Der massive Einwohnerschwund nach der Wiedervereinigung hinterließ viele leere Wohnungen, die heute entweder abgerissen oder mit Flüchtlingen belegt werden. Gera sei „Flüchtlingshauptstadt“ in Thüringen, berichtet eine Fremdenführerin. Viele ziehen nach Ende ihres Asylverfahrens in die Stadt, weil die Wohnungen hier preiswert seien. Sie selbst veranstalte inzwischen Führungen für Geraer, zum Beispiel in Shisha-Bars oder in Moscheen, um Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. „Die Leute sind danach nicht bekehrt, aber die Ängste sind deutlich geringer“, berichtet sie.

          Da widerspricht eine Frau, die ihr gegenüber sitzt und sich als AfD-Stadträtin vorstellt. Vom Krieg verfolgten Menschen zu helfen, sei in Ordnung sagt sie. „Aber Asyl heißt für mich: Die Leute bleiben nicht hier, sondern gehen auch wieder.“ Sie wolle nicht, dass sich das Land stark verändere, aber das dürfe man ja nicht sagen. „Ich habe wirklich große Angst um die Zukunft unsere Landes.“

          Bei dieser Gelegenheit greift sie Steinmeier an, weil der beim Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Yad Vashem vor einer Woche nicht Deutsch gesprochen habe, mit der Begründung, dass das die „Tätersprache“ sei. Für sie aber sei es auch die Sprache von Goethe und Schiller. Da wird Steinmeier grundsätzlich: Er habe den Begriff „Tätersprache“ nie verwandt, sagt er. Vielmehr hätten ihn die Überlebenden von Auschwitz gebeten, einige Worte in ihrer Sprache zu sagen, und dieser Bitte sei er gern nachgekommen. Alles andere seien Fake News, die im Internet über ihn verbreitet werden. Er könne Klagen darüber, dass man in Deutschland nichts mehr sagen darf nicht nachvollziehen. „Das ist eine Realität, die nicht stimmt“, antwortet er der Frau.

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