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Kaffee beim Bundespräsidenten : „Ich sehe keine Corona-Toten“

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender mit Teilnehmern der Kaffeetafel im Schloss Bellevue Bild: dpa

Was macht ein Bundespräsident, der harsche Briefe von Bürgern zu den Corona-Maßnahmen bekommt? Er lädt acht der Absender ins Schloss Bellevue ein. Gelingt bei einem so aufgeladenen Thema ein Kaffeekränzchen?

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          Diese Veranstaltung sei ein Test, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und guckt dabei von einem Gast zum anderen. Ein Test, ob es bei einem so aufgeheizten Thema wie den Beschränkungen in der Corona-Krise noch möglich ist, einen zivilisierten Austausch hinzubekommen. Diesen Austausch möchten der Präsident und seine Frau, Elke Büdenbender, heute bei Kaffee und Kuchen fördern. Dazu haben sie acht Gäste ins Schloss eingeladen, die alle sehr „unterschiedliche Interpretationen der gleichen Realität“ vertreten, wie Steinmeier es ausdrückt.

          Bei den Gästen handelt sich nicht etwa um ranghohe Politiker oder Botschafter, sondern um ganz gewöhnliche Bürger. Eine Apothekerin ist unter ihnen, eine Schülervertreterin, ein Kinderbuchautor. Namentlich sollen sie nicht in der Presse erscheinen. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden beurteilt die Einschränkungen in der Corona-Pandemie als unangemessen, die andere Hälfte stimmt ihnen zu. Eine der schärfsten Kritikerinnen ist eine Schuldnerberaterin. Ihren Beruf habe sie aus christlicher Überzeugung gewählt, sie wolle immer gerne den Schwächeren zur Seite stehen. Sie ist in Jeans und Turnschuhen erschienen und sagt, schick könne sie eben nicht. Mit den Worten, ihre Kunden seien durch den Lockdown extremen Existenzängsten ausgesetzt, wendet sie sich jetzt an den Bundespräsidenten. Unter ihnen seien Menschen, die nicht mehr arbeiten dürften und deswegen ihre Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr zahlen könnten. Sie seien vor Angst nahezu gelähmt, man könne kaum zu ihnen durchdringen. „Das ist völlig unverhältnismäßig“, sagt sie. In Deutschland habe man schließlich das beste Gesundheitssystem. „Ich sehe keine Toten hier, wir haben eine gesunde Gesellschaft.“

          Ihre Tischnachbarn nicken zustimmend. Auch sie gehören zu den Kritikern in der Runde. Alle drei wurden eingeladen, nachdem sie sich in Briefen beim Bundespräsidenten über das Vorgehen der Regierung in der Pandemie beschwert hatten. „Kritik ist in der Demokratie notwendig und nicht für Corona-freie Zeiten reserviert“, so Steinmeier.

          Angst und Freiheit

          Ein immer wiederkehrendes Thema an der Kaffeetafel, an der er sich dieser Kritik heute stellen will, ist die Angst. Die Politik und Medien informierten unzureichend und voreingenommen über das Virus, findet einer der Gäste. Die öffentlich-rechtlichen Medien schürten die Angst der Bevölkerung, indem sie jeden Tag die sich stetig kumulierenden Fallzahlen bekannt gäben. Kritische Meinungen würden indes kaum Gehör finden. „Eine Aufhebung der Spaltung der Gesellschaft ist nur in der Transparenz möglich“, sagt die Apothekerin. Auf Steinmeiers Einwand hin, es sei doch sehr viel über die Demonstrationen der Corona-Kritiker in den letzten Wochen berichtet worden, wird etwas trotzig geantwortet, die Berichterstattung sei aber nicht so gewesen, wie die Kritiker sich das vorgestellt hätten.

          Ein anderes bestimmendes Thema der Diskussion ist der Begriff der Freiheit. Die Regierung habe durch die Schutzmaßnahmen den Bürgern das Recht auf einen eigenen Lebensentwurf entzogen. Wem es freigestellt sei zu rauchen oder auf der Autobahn 180 zu fahren, sollte auch entscheiden dürfen, ob er eine Maske trage, so eine Teilnehmerin. Da meldet sich ein vergleichsweise zurückhaltender Gast zu Wort. Auch er hat Steinmeier einen Brief geschrieben, allerdings nicht, weil er die Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben hält, sondern weil er sich über ein Foto des Präsidenten in Südtirol geärgert hatte, auf dem dieser ohne Maske weniger als 1,5 Meter von einer anderen Person entfernt stand. Für diese Missachtung der Corona-Regeln hatte Steinmeier später um Entschuldigung gebeten. Sein Gast sagt nun, im Nachhinein habe er sich ein wenig für seine strengen Worte in dem Brief geschämt, aber er mache sich eben Sorgen, dass Deutschland bei fehlender Achtsamkeit wieder in eine Situation wie im Frühjahr zurückfallen könnte. An die Maskengegnerin gewandt sagt er, wenn er im Supermarkt jemanden ohne Maske treffe, fühle er sich dadurch in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Schließlich könne er dann nicht mehr guten Gewissens seine Oma besuchen.

          Auch die Schülerin am anderen Ende der Tafel sieht das so. Sie befürworte, ebenso wie die meisten ihrer Mitschüler, die Maskenpflicht in der Schule. „Ich habe keine Angst um mich selbst“, sagt sie, „aber ich habe Angst um die Leute, die ich in der Bahn treffe.“ Es müsse klare Regeln für den Umgang mit dem Virus an Schulen geben, findet sie. Der Lehrer, der ihr gegenüber sitzt, stimmt zu. Er hoffe, dass sich die Kultusminister diese Woche auf einheitliche Maßnahmen verständigten. Dass Kinder durch das Maskentragen „traumatisiert“ würden, könne er nicht bestätigen.

          Die eineinhalb Stunden sind abgelaufen, die Diskussion ist vorbei. Es sind gerade so alle Teilnehmenden zu Wort gekommen. Von den kunstvollen Kuchenstücken und Häppchen, die neben jedem Platz aufgebaut sind, hat kaum jemand gegessen. Eigentlich sei sie ja auch nicht zum Kaffeetrinken hier gewesen, sondern um sich Gehör zu verschaffen, sagt die Schuldnerberaterin nachher im Foyer. Eine andere Teilnehmerin findet, es sei zwar eine nette Einladung gewesen, aber sie gehe mit der gleichen Meinung wieder nach Hause, mit der sie gekommen sei.  Schließlich sei der Bundespräsident ja auch nicht von seiner Meinung abgerückt.

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