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Showdown im Hinterzimmer : Die AfD will reifer und klüger geworden sein

Eine emotionale Erfolgsgeschichte: der AfD-Parteivorsitzende Jörg Meuthen auf dem Bundesparteitag in Hannover Bild: STRANGM/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen blickt auf dem Bundesparteitag zurück auf eine Geschichte der Erfolge, die ihn emotional werden lässt. Heute sei alles anders als früher, sagt er. Es gebe kein Kampfgeschrei mehr.

          Jörg Meuthen kämpfte mit den Tränen. Damals, bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags, saß der AfD-Vorsitzende auf der Besuchertribüne und beobachtete den Einzug seiner Parteifreunde in das Plenum. „Ein hochemotionaler Moment, wie ich ihn nur selten erlebe“ sei das gewesen, sagt Meuthen zur Eröffnung des AfD-Bundesparteitages in Hannover an diesem Wochenende. An den Saalwänden der Eilenriedehalle drehen sich blaue Lichtsterne, neben der Bühne läuft eine Nebelmaschine, die Delegierten lauschen bewegt. „Ich hatte Mühe diese Gefühle vor den anderen zu verbergen“, erzählt Meuthen. Es sei ein Moment des Innehaltens gewesen. Er habe an die Mühen des Wahlkampfs gedacht, an die Nächte im Auto, die langen Nächte der Plakatkleber, die platten Füße der Wahlkämpfer an den Ständen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In Stimmung gebracht sind die AfD-Delegierten schon durch einen Einspielfilm, der vor Meuthens Rede gezeigt wurde: Es ist ein Rückblick auf die Erfolge der Partei, die Einzüge in verschiedene Landtage und den Bundestag. Immer wieder applaudieren einzelne Landesgruppen, wenn ihre Landeshauptstädte im Film gezeigt werden. Jene, denen Meuthens Pathos ein wenig zu dick aufgetragen ist, applaudieren etwas leiser.

          Meuthens Emotionen haben ihren Grund in der Geschichte seiner Partei, das sagt er selbst. Die ewigen Intrigen, Querelen und Grabenkämpfe der vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. Unvergessen ist der Essener Parteitag, als der Gründungsvorsitzende Bernd Lucke abgewählt wurde. „Showdown-Charakter“ habe das gehabt, sagt Meuthen, eine „Hitzeschlacht“ sei das gewesen. Und: „krass“. Heute hingegen, sei „alles anders“ in der Partei. Man erlebe nun „einen sinnvollen und geordneten Wettbewerb“ um die Vorstandsämter, „ohne Kampfgeschrei“, es seien auch „keine Abspaltungen und Zerwürfnisse in Sicht“. Die Partei sei „reifer, erwachsener und damit auch klüger geworden“, sagt Meuthen.

          Tatsächlich ist der Bundesparteitag der AfD der erste seit vielen Jahren auf dem keine Spaltung der Partei bevorsteht oder zumindest droht. „Einen Showdown á la Essen erwartet Sie auf diesem Parteitag nicht“, sagt Meuthen. Einen kleinen Showdown hatte es freilich schon gegeben, zwischen Meuthen, seinem Herausforderer, dem Berliner Fraktionsvorsitzenden Georg Pazderski, und dem Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Alexander Gauland. Dieser war, anders als früher, nur nicht auf offener Bühne ausgetragen worden, sondern in den Hinterzimmern.

          Der mächtigste Mann in der AfD, Alexander Gauland, hielt es sich offen, selbst als zweiter Bundesvorsitzender zu kandidieren. Er reagierte damit darauf, dass der Berliner Landes- und Fraktionschef Georg Pazderski, seine Kandidatur für das Amt des zweiten Vorsitzenden angekündigt hatte. Meuthen, der mit Gauland gut zusammenarbeitet, hatte Bedenken, dass Pazderski in Berlin ihm die Show stehlen, zu mächtig werden könnte. Und auch der Rechtsaußenflügel der Partei um den Thüringer Fraktionschef Björn Höcke wandte sich an Gauland, er möge Pazderski verhindern. Denn der Berliner  gilt als liberalkonservativ, setzt auf einen pragmatischen Kurs, auf eine mittelfristige Übernahme von Regierungsverantwortung und eine klare Abgrenzung gegen Rechtsaußen. Der Rechtsaußen-Flügel nimmt Pazderski übel, dass er sich im Bundesvorstand für einen Parteiausschluss von Höcke stark gemacht hatte, nachdem Höcke in einer Rede das Holocaust-Denkmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende“ gefordert hatte.

          Der 66 Jahre alte Pazderski, ein Oberst a.D. der Bundeswehr, ließ sich allerdings nicht einschüchtern. Er weiß, dass der Rechtsaußen-Flügel keine Mehrheit auf dem Parteitag hat. Das müssen am Samstag auch die Flügel-Vertreter zur Kenntnis nehmen. Als im Saal über die Frage gestritten wird, ob der niedersächsische Landesvorsitzende Armin-Paul Hampel ein Grußwort sprechen darf, entschließt sich Höcke, die Stimmung zu testen. Am Saalmikrofon fordert er, seinen Verbündeten Hampel sprechen zu lassen. Höcke wirft das Gewicht seiner Autorität in die Waagschale – und verliert. Die Mitglieder lehnen seinen Antrag mit deutlicher Mehrheit ab. Der Flügel hat in Hannover keine Mehrheit. Noch in der Nacht zum Samstag hatten Gauland, Meuthen und Pazderski über mögliche Varianten gesprochen, um es nicht zu einer Konfrontation kommen zu lassen. Wie es schien, wurde eine Lösung gefunden, die vor allem den Bedenken Meuthens Rechnung trägt.

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