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Bundesnachrichtendienst : Ein transparentes Geheimnis

„Ein richtig großes Abenteuer”: Ernst Uhrlau startet zu Versuch Nummer zwei, die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes aufzuarbeiten Bild: ddp

Nach vielen Widerständen wagen Historiker einen neuen Anlauf, die Frühgeschichte des BND zu erforschen. Sie werden nicht nur der braunen Vergangenheit vieler seiner Mitarbeiter nachzugehen haben.

          Vier Historiker, erfahrene Wissenschaftler in ihren Fachgebieten, treten eine Abenteuerreise in eine weite unbekannte Archivlandschaft an. Ausgestattet mit einigen Hunderttausend Euro, vielen Versprechungen und einem noch abzuschließenden Vertrag betreten die vier die Vergangenheit der „Organisation Gehlen“ und des Bundesnachrichtendienstes (BND). Tausende geheime Aktenvorgänge und ein Dutzend lebender Zeitzeugen erwarten sie, aber auch eine grundskeptische Geheimbürokratie, die beispielsweise seit Jahren Einsicht in viele ihrer Akten zum Fall Adolf Eichmann verweigert. „Schutzwürdige Quellen, geheime Staatsinteressen, Gefährdung nachrichtendienstlicher Verbindungen“ wispert es aus den Katakomben des Dienstes, der seit bald sechzig Jahren in Häusern und Bunkern einer ehemaligen Nazi-Siedlung in Pullach bei München haust.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Fünf Jahre sind vergangen, nachdem der BND-Präsident Ernst Uhrlau im April 2006 anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Auslandsnachrichtendienstes angekündigt hatte, er wolle eine umfassende Geschichte des BND in Auftrag geben. Der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen sollte die Aufgabe übernehmen. Mit Präsident Uhrlau wollte der von Legenden und Gerüchten umwobene Dienst in einer demokratisch-transparenten Gesellschaft ankommen. Er sollte sich und der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen über seine Wege und Irrwege, über Erfolge und Versagen in den vergangenen Jahrzehnten.

          Transparenz als natürlicher Feind

          Das Prestigeprojekt scheiterte kläglich. Denn zur selben Zeit entbrannte ab 2006 zwischen Parlamentariern und Bundeskanzleramt ein erbitterter Streit um die Freigabe geheimer Akten für einen Untersuchungsausschuss. Da wollte die Regierung nicht Forschern mehr geben als Parlamentariern. Hinzu kam, dass im Kanzleramt seinerzeit mit Minister de Maizière und dem Abteilungsleiter Fritsche zwei eher altpreußisch oder altfränkisch gestimmte Sachwalter die Geschäfte dirigierten. Ihnen galt Transparenz als natürlicher Feind des geheimen Nachrichtenwesens. Die Sache geriet ins Stocken, Schöllgen wurde hingehalten. Hinter seinem Rücken verbreitete sich das Gerücht, er stelle unverschämte Geldforderungen. Irgendwann gab der Zeithistoriker entnervt auf, der etwa als Mitherausgeber der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Ansehen und Respekt genießt.

          Uhrlau hatte mehrfach selbst um sein politisches Überleben zu kämpfen, aber er blieb dem Projekt treu. Still und hartnäckig. Ein Nachrichtendienst in der modernen Demokratie kann Identität nur finden in einem aufgeklärten, selbstkritischen Verhältnis zur eigenen Geschichte. Ähnliche Gedanken beschäftigen seit Jahren auch die Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Ziercke, und des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Fromm. Bei allen drei Behörden war bereits durch leichtes Kratzen an der Oberfläche sichtbar geworden, dass man sich von den Aufbaujahren an bis in die siebziger Jahre hinein nicht nur der üblichen NSDAP-Opportunisten bedient hatte, die vom Auswärtigen Amt über das Finanzministerium bis hin zum Bund der Vertriebenen viele Behörden und Verbände nach 1945 mitbestimmten. Vielmehr und viel schlimmer hatten sich sowohl beim BKA als auch bei BND und BfV haufenweise Leute eingenistet, die als Gestapo-Männer, geheime Feldpolizisten, SD-Agenten oder Angehörige von Massenmordkommandos der SS und der Polizei an den Verbrechen der Nazizeit unmittelbar beteiligt waren. Sie stellten einen Teil des Personals und sie prägten in mancher Hinsicht auch den Geist der Nachkriegsbehörden.

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