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Gründung 1956 : Das obsessive Feindbild BND

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Am 1. April wird der Bundesnachrichtendienst (BND) 60 Jahre – seine Anfänge reichen zurück in die Kriegszeit. Bild: Greser & Lenz

Der BND feiert Jubiläum: Die Gründung 1956 war aber viel mehr eine Umettikettierung. Die Anfänge des deutschen Auslandsgeheimdienstes sind älter als die Bundesrepublik.

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          Am Anfang war Hermann Baun, nicht Reinhard Gehlen – auch wenn die Rolle des ehemaligen Abwehroffiziers rückblickend vom früheren Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Generalstab des Heeres marginalisiert wurde, wenn es um die Vorgeschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) ging. Gehlen stellte sich 1971 in seinen Memoiren allein als Schöpfer jener Organisation dar, die nach Kriegsende von der amerikanischen Besatzungsmacht initiiert worden war und unter der Obhut der CIA, des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes, gestanden hatte.

          James H. Critchfield, hochdekorierter amerikanischer Bataillonskommandeur, der 1948 zur CIA wechselte und die Verantwortung für die geheime Gehlen-Truppe trug, schilderte in dem Buch „Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948-1956“ das Ende der CIA-Aufsicht in der Isartal-Gemeinde. Am Morgen des 31. März 1956 sei ein Beamter des Bundesfinanzministeriums mit einem Paket erschienen, „das Bargeld im Wert von zwei Millionen Deutsche Mark zur Rückzahlung des Vorschusses enthielt“.

          Quittiert habe er mit seinem Decknamen Kent J. Marshall. Am Abend des Tages beobachtete er im sogenannten Weißen Haus von seinem Dienstzimmer aus, in das Gehlen einziehen sollte, wie ein Flaggenkommando zum letzten Male die Stars and Stripes einholte, was den „Abschluss einer turbulenten Ära im Nachkriegsdeutschland“ markiert habe. Der 1. April sei „ohne Aufsehen“ verlaufen.

          Gehlen wurde erst Ende 1956 zum Präsidenten des Dienstes ernannt

          Schon im Juli 1955 hatte das Bundeskabinett den Beschluss zur Überführung der „Organisation Gehlen“ in den Bundesdienst gefasst. Der frühere Generalmajor Gehlen wurde erst am 19. Dezember 1956 zum Präsidenten des Dienstes ernannt. Heutzutage wird, wie Thomas Wolf in dem Aufsatz „Die Anfänge des BND“ in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ (erscheint am 15. April) hervorhebt, von einer „doppelten Gründungsgeschichte“ des BND – 1946 und 1956 – ausgegangen.

          Der Mitarbeiter der „Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des BND von 1945 bis 1968“ zerpflückt zum 60. Geburtstag der Behörde Gehlens „Gründermythos“: Als eifriger Seitenwechsler vom „Dritten Reich“ zur westlichen Hauptsiegermacht habe Gehlen seinen „ungebrochenen Patriotismus und seine Standhaftigkeit gegenüber der amerikanischen Weltmacht“ herausstellen wollen.

          Gehlen und seine Gruppe waren im August 1945 in die Vereinigten Staaten ausgeflogen worden, wo man sie zunächst mit historischen Ausarbeitungen, später mit der Auswertung von aktuellem Material amerikanischer Dienste über die Sowjetunion beschäftigte.

          Als Gehlens Statthalter in Oberursel bei Frankfurt am Main fungierte sein früherer Mitarbeiter Oberstleutnant Gerhard Wessel. Er hielt die Verbindung zu dem 1897 in Odessa geborenen und perfekt Russisch sprechenden Baun, der von 1922 bis 1937 für die deutschen Konsulate in Odessa und Kiew tätig gewesen und anschließend in die Abwehr-Abteilung des Admirals Wilhelm Canaris im Oberkommando der Wehrmacht eingetreten war. Im Weltkrieg war er als Chef der „Leitstelle I Ost“ für frontnahe Spionage gegen die Sowjetunion zuständig.

          Die „Operation Rusty“

          Bereits im September 1945 legte Baun ein Konzept für den Aufbau eines Dienstes vor, der den gesamten sowjetisch kontrollierten Raum aufklären sollte, obwohl er sich eigentlich nur um Informationen über Spione in der amerikanischen Besatzungszone zu kümmern hatte. Die Amerikaner ließen ihn im Rahmen der „Operation Rusty“, so der Name des Projekts, gewähren.

          Dank großzügiger finanzieller Zuwendungen erweiterte Baun den Kreis der freien Mitarbeiter und Informanten in einem Jahr von etwa 150 auf mehr als 2000. Die Spionagetätigkeit wurde dezentral organisiert, Mitte 1946 gab es mindestens sechs Außenorganisationen: „Die Taktik, immer mehr Informationen zu liefern, versprach den Außenorganisationen, immer mehr Mittel zu erhalten. Quantität rangierte vor Qualität.“ Die „Operation Rusty“ habe, so Wolf, wenig gehaltvolle Meldungen fabriziert und sei ein „längst aus dem Ruder gelaufener Spionageapparat“ gewesen.

          Gehlen kehrte im Juli 1946 mit seiner Arbeitsgruppe aus den Vereinigten Staaten zurück und musste in die „Operation Rusty“ eingegliedert werden. Für diesen Fall hatte Wessel den Amerikanern einen Vorschlag unterbreitet: die Aufteilung der „Operation Rusty“ in die Bereiche Informationsbeschaffung, geleitet von Baun, und Auswertung, geführt von Gehlen – ohne Hierarchieverhältnis.

          Die interne Abschottung des Nachrichtendienstes

          Folgt man späteren Darstellungen Gehlens, so kam in der BND-Vorgeschichte einem „Gentlemen’s Agreement“ große Bedeutung zu, das er am 30. August 1946 mit General Edwin L. Sibert über die Bedingungen schloss, unter denen sich die Deutschen zur Weiterarbeit im amerikanischen Auftrag bereit erklären könnten. Laut Wolf habe es diese „Abmachung auf Augenhöhe“ nicht gegeben. Vielmehr habe Sibert Konditionen für die Weiterarbeit diktiert, und Gehlen habe sie akzeptiert, nicht jedoch Baun, „weil sie seinen Überzeugungen über den Charakter und die Funktionsweise seines Apparates widersprachen. Das gefiel den Amerikanern nicht, und so leitete das Sibert-Gehlen-Gespräch die Entscheidung im Konflikt zwischen Gehlen und Baun ein.“

          Frühestens im Herbst 1946 hätten Gehlen und Wessel erste Überlegungen angestellt, „um Informationsbeschaffung und Auswertung enger miteinander zu verzahnen“ und eine Gesamtführung zu installieren. Darüber fiel am 25. Februar 1947 eine Vorentscheidung, indem die amerikanische Seite „Gehlen die Finanzhoheit übertrug und Baun damit seine Machtgrundlage entzog“. Im Mai 1947 wurde Baun als Leiter der Beschaffung abgelöst und blieb bis Oktober 1949 im Dienst Spionagefachmann für besondere Aufgaben.

          Bauns Organisationsprinzipien hatten Bestand, zunächst in Oberursel, dann nach dem Umzug vom 6. Dezember 1947 an, in Pullach. Sogar nach Gründung der Bundesrepublik 1949 habe Gehlen „die fortbestehenden Schwächen und eklatanten Defizite seiner Organisation erfolgreich als Stärken verkauft“, vor allem das fragwürdige „Schottensystem“. Dieser Begriff umschrieb die interne Abschottung: „Keine Klarkenntnisse von unten nach oben, keine Verbindungen zu parallel arbeitenden Stellen. Kenntnis der Klarpersonalien besteht nur bei den unmittelbar in die Führung der einzelnen Verbindung eingeschalteten Stellen (Filiale) und bei der Zentrale“, hieß es dazu Ende 1953.

          Das „Schottensystem“ habe, so Wolfs Resümee, den BND „vor Reformdruck und unerwünschten Einblicken der Politik besser als vor den Attacken feindlicher Dienste“ geschützt: „Das von Baun nolens volens ererbt und in einer politischen Notsituation beherzt etikettierte Durcheinander lag zwanzig Jahre wie eine unübersteigbare Barriere vor jedem, der sich kritisch mit dem BND befasste.“

          Das Bundeskanzleramt, der Bundesrechnungshof und die Fraktionen des Bundestags hätten den BND gewähren lassen: „Die institutionellen Wurzeln des BND liegen in der Nachkriegszeit und nicht in der Kriegszeit und schon gar nicht in der Mitte der 1950er Jahre, als der Bundesnachrichtendienst entstand. Die Errichtung des BND am 1. April 1956 war in erster Linie eine bloße Umetikettierung. Personell und strukturell blieb der Dienst die Organisation Gehlens.“ Und vor allem blieb das obsessive Feindbild des Generalmajors von vor 1945 auch für den späteren BND-Präsidenten bis zu seiner Pensionierung 1968 maßgeblich: der weltrevolutionäre Kommunismus mit den außerhalb des Sowjetimperiums wühlenden Fünften Kolonnen.

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