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F.A.S. exklusiv : Länder erwägen Partyverbot wegen Corona

Party ohne Grenzen? Feiernde in der Nähe der Torstraße in Berlin Bild: dpa

Private Feiern spielen mittlerweile eine Hauptrolle bei Neuinfektionen. Manchmal feiern noch Reiserückkehrer mit. Nun drohen die Länder Maßnahmen an.

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          Angesichts steigender Infektionszahlen im Zusammenhang mit Partys ziehen viele Bundesländer härtere Maßnahmen in Betracht. Die Gesundheitsministerin von Brandenburg, Ursula Nonnemacher (Grüne), sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.): „Private Feiern sind eine sehr große Gefahr.“ Sollte die Zahl der Infektionen weiter „in diesem Tempo“ ansteigen, drohten abermals „harte Kontaktbeschränkungen. Das sollte allen bewusst sein.“

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch der Gesundheitsminister von Baden-Württemberg, Manfred Lucha (Grüne), warnte vor weiteren Maßnahmen, sollten die Bürger an Festen teilnehmen wie bisher. „Wenn wir merken, dass die Eigenverantwortung nicht weit genug geht, werden wir wieder stärker einschränken müssen. Das ist ganz klar. Jede Öffnung, die wir machen, kommt dem Ritt auf der Rasierklinge gleich.“ Falls sich herausstelle, dass die Bürger sich an Maßgaben nicht hielten, könne und müsse das Land „nachsteuern“.

          Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Berlin stellten ebenfalls Verbote in Aussicht. Die Berliner Senatorin für Gesundheit, Dilek Kalayci (SPD), sagte: „Ich bleibe dabei: Es ist nicht die Zeit für Partys.“ Kalayci forderte ein einheitliches Vorgehen von Bund und Ländern. Auch Niedersachsen sprach sich für bundeseinheitliche Maßnahmen aus. Die hält das Gesundheitsministerium allerdings nur dann für wünschenswert, wenn „sie nicht zu einer Aufweichung unserer vergleichsweise strengen Regeln führen“. Große Partys seien im Moment „einfach nicht angebracht“.

          Viele infizieren sich im privaten Umfeld

          Politiker der Koalition kritisierten das Verhalten der Deutschen zum Teil scharf. „Wir dürfen nicht riskieren, dass Kitas und Schulen wieder schließen und Kinder über Wochen zu Hause bleiben müssen, weil wir durch Familienfeste mit zu lockeren Regeln ein erhöhtes Infektionsgeschehen in Kauf genommen haben“, sagte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken der F.A.S. Ralph Brinkhaus, Fraktionsvorsitzender der Union, äußerte, es sei zwar „ganz natürlich“, dass die Menschen nach dem Ende des Lockdowns „raus wollten, dass sie sich mit Freunden trafen und ihre Familien besuchten. Leider hat sich mit dem Beginn des Sommers eine gewisse Leichtfertigkeit ausgebreitet – wie man an den vollen Ostseestränden oder den Ansammlungen von Jugendlichen überall in Deutschland gerade an den Wochenenden beobachten kann.“ Es gelte aber weiter: „Corona ist eine Bedrohung.“ Er halte es daher für absolut richtig, „wenn Ordnungskräfte mit aller Konsequenz Hygieneverstöße verfolgen“.

          Nach Informationen der F.A.S. spielen private Feiern in einigen Bundesländern mittlerweile eine Hauptrolle bei Ansteckungen mit dem Coronavirus. In Nordrhein-Westfalen etwa finden 33 Prozent der Neuinfektionen im privaten Umfeld statt, darunter fallen häufig Zusammenkünfte wie zum Beispiel „Feiern in den eigenen vier Wänden“ oder „Treffen mit Bekannten“. Reiserückkehrer sind dagegen nur für 25 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

          In Berlin finden sogar sechzig Prozent der Ansteckungen in privaten Haushalten statt, wozu auch Partys und Familienfeiern zählen. Erst an zweiter Stelle stehen Ansteckungen in Restaurants und Gaststätten. In manchen Fällen sind auch Reiserückkehrer für einen Ansteckungsherd verantwortlich, die anschließend im Kreise von Familie oder Freunden eine Party feiern. Oft handelt es sich um Rückkehrer vom Balkan.

          Gymnasium musste komplett geschlossen werden

          So etwa in Brandenburg: Am 8. August fand dort eine Einschulungsfeier in Frankfurt an der Oder mit zwei Familien statt, auf der rund neunzig Gäste aus zehn verschiedenen Landkreisen anwesend waren. Die Eltern des einen Kindes waren erst wenige Tage vorher aus Bulgarien zurückgekehrt. Dort hatten sie sich mit dem Coronavirus infiziert. Mittlerweile seien elf Personen positiv getestet worden, hieß es aus dem brandenburgischen Gesundheitsministerium. Der Ausbruch ist aber noch nicht unter Kontrolle. Damit sich nicht noch mehr Personen anstecken, musste das Land unter anderem ein Gymnasium in der Stadt komplett schließen.

          In Baden-Württemberg steckten sich auf einem privaten Grillfest 21 Personen an, die aus verschiedenen Landkreisen stammen. Viele Ansteckungen sind zudem auf das Opferfest in einer Moschee zurückzuführen sowie auf Zusammenkünfte einer christlichen Glaubensgemeinschaft.

          Schon Anfang der Woche hatte Gesundheitsminister Jens Spahn eindringlich vor privaten Feiern gewarnt. Spahn sagte, er wolle nicht der „Spielverderber“ sein, habe aber von vielen Seiten gehört, dass sich bei Veranstaltungen mit Alkohol selbst zwanzig Gäste schnell nicht mehr an die Abstands- und Hygieneregeln hielten. Sollten die Zahlen weiter steigen, so habe es Priorität, Schulen und Kindertagesstätten offen zu halten. Spahn ergänzte, er wolle sich mit den Ländern beraten, welche Form von Veranstaltungen und Feiern stattfinden könnten. Am Donnerstag soll bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz über das Thema gesprochen werden. Aus den Ländern heißt es, dort werde auch über potentielle Einschränkungen privater Feiern verhandelt.

          Im Hinblick auf das Treffen forderte der Ärzteverband Marburger Bund bundesweit einheitliche Regeln für Partys, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Es gehe darum, „Ansteckungsrisiken auch im Herbst und Winter zu verringern“, sagte die Vorsitzende Susanne Johna. „Je größer die Zahl der Feiernden gerade in geschlossenen Räumen ist, desto wahrscheinlicher ist ein Mensch dabei, der die anderen ansteckt.

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