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Bundeskriminalamt : Ziercke: Cyberkriminalität unvergleichbare Bedrohung

Wider das „Dark Net“: BKA-Präsident Ziercke Bild: dpa

BKA-Präsident Ziercke warnt vor entgrenzter Kriminalität. Die Kosten, die Cyberkriminalität verursacht, seien größer als jene, die „der Handel von Kokain, Heroin und Marihuana gemeinsam erzeugen“.

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          Die Cyberkriminalität ist nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA) eine „Bedrohung mit unvergleichbarer Dimension“. Nach Auskunft des BKA-Präsidenten Jörg Ziercke sind die Kosten, die durch Cybercrime entstehen „größer als jene, die der Handel von Kokain, Heroin und Marihuana gemeinsam erzeugen“. Im virtuellen Raum fänden Erpressung und Diebstahl statt, Drogenhandel, Geldwäsche und Kinderpornographie. Hinzu kommt die Nutzung des Internets durch Terroristen oder zum Zweck der Spionage. Ziercke sprach von einer „entgrenzten Kriminalität“, die „ungebremst entwicklungsoffen“ sei und die Strafverfolgungsbehörden an funktionale und territoriale Grenzen bringe. Ziercke eröffnete die Herbsttagung des BKA mit einem Appell an die Politik, der Polizei die Anpassung an sich rasch wandelnde Tat- und Technikumstände zu ermöglichen.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          „Im BKA arbeiten die besten Cybercops weltweit“, versicherte Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche (CSU). Ziercke hingegen warb für eine „public-private-partnership“ zwischen Polizei und Wirtschaft und beklagte einen Mangel an deliktspezifischer Expertise in den Justizbehörden. Es mangelt demnach an Technik und auch an rechtlichen Voraussetzungen für effiziente Fahndung. Die Identifizierung von Beweisen in massenhaft beschlagnahmten Daten entwickle sich dabei ebenso zum Problem, sagte Ziercke, wie die Zugänge zu den Rechnern Verdächtiger oder die Ermittlung von Daten, die im virtuellen Raum abgelegt werden.

          So lagert, wie Fritsche berichtete, die Organisierte Kriminalität ihre Beute inzwischen teilweise bei virtuellen Banken in Form sogenannter „Bit-Coins“. Diese Währung des Netzes kann dann später weltweit in echtes Geld getauscht werden. In Schattennetzen könnten auch Täter ohne fundiertes Spezialwissen Schadsoftware kaufen oder mieten. Alles sei, äußerte Fritsche, zu erwerben im „Dark Net“, einem Teil des Internets, auf den man nicht per Google zugreifen könne: Software, Waffen, Drogen oder Medikamente.

          „Daten von unbescholtenen Bürgern interessieren uns nicht“

          Die Strafverfolger seien angesichts dieser Bedrohungen nicht „Totalüberwacher, Datensammelwütige und Datenprofilneurotiker“, sondern darum bemüht, Gerechtigkeitslücken zu schließen, „die den rechtstreuen Bürger fassungslos“ zurückließen, sagte Ziercke. Er und auch Fritsche plädierten für die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung, die derzeit bei den Berliner Koalitionsverhandlungen von Union und SPD erwogen wird.

          Nach Auskunft von Ziercke versucht das Bundeskriminalamt derzeit mit einer personalstarken Arbeitsgruppe die Schlagfähigkeit der Behörde gegen Cyber-Kriminelle zu verbessern. Am Beispiel des Bomben-Anschlags auf den Boston-Marathon erläuterte Ziercke die Notwendigkeit, sich technisch auf neue Lagen vorzubereiten. In Boston seien innerhalb kürzester Zeit der Polizei mehr als eine Millionen Fotos und 1000 Stunden Videomaterial zur Verfügung gestellt worden. Sie wurden dann extrem schnell ausgewertet. „Die Polizei muss in der Lage sein, solche Datenmengen zu sichten, die durch öffentliche Fahndungsaufrufe entstehen können“, verlangte der BKA-Präsident. Es müssten „automatisierte Bearbeitungstools“ dafür aufgebaut werden. Zugleich sei es nötig, sich intensiver mit „taktische Öffentlichkeitsarbeit“ zu befassen. Denn der Fall Boston habe auch gelehrt, wie selbst ernannte Fahnder mit falschen Verdächtigungen eine Lynch-Stimmung erzeugten. Solchen Risiken müsse das BKA entgegen treten können.

          Die Wiesbadener Cybercrime-Tagung machte deutlich, dass die Veröffentlichungen zu amerikanischen und britischen Spionageaktivitäten offenbar einen wünschenswerten Bewusstseinsschub ausgelöst haben, etwa in der deutschen Wirtschaft, aber auch bei den privaten Nutzern, die mehr auf die Sicherheit eigener Netze achten. „Spionage in Deutschland findet auf allen Ebenen statt insbesondere zu Lasten der deutschen Wirtschaft. Gerade der hochinnovative Mittelstand ist hier akut bedroht“, mahnte Fritsche. Anderseits mussten die Vertreter der Sicherheitsbehörden sich mit einer noch weiter gewachsenen Skepsis gegenüber vorsorglichen Datensammlungen auseinandersetzen. „Die Daten von unbescholtenen Bürgern interessieren uns nicht“, äußerte Fritsche.

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