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Merkels Nachfolge : Die (fast) Unersetzliche

Wie lange regiert sie noch? Bundeskanzlerin Angela Merkel 2009 im Bundestag Bild: Reuters

Im politischen Betrieb der Hauptstadt ist es im zehnten Jahr der Kanzlerschaft Angela Merkels nicht nur ein beliebtes Small-Talk-Thema: Viele in der Union denken bange an den Tag, an dem das politische Zugpferd aufhört. Wer folgt Merkel nach? Welche Machtoptionen gibt es für die Ära nach ihr? FAZ.NET zeigt die Szenarien auf.

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          Es ist ein milder Spätsommerabend im September 2015. Angela Merkel sitzt auf der Terrasse ihrer Datsche. Es ist einer der seltenen Abende mit ihrem Mann, die beiden haben ein Glas Rotwein getrunken. Joachim Sauer ist von einem längeren Forschungsaufenthalt in Kalifornien zurück und hat begeistert erzählt davon. Gewohnt hat er in Sausalito an der Bucht von San Francisco und von dort auf die Skyline der Stadt geschaut. Angela Merkel war ungezählte Male in Washington, in New York zu kurzen politischen Besuchen auf höchster Ebene. Aber ein paar Wochen Kalifornien? Mal richtig reisen? Ein Traum, seit Amerika nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 für sie erreichbar wurde.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Sie hustet. Ein Reizhusten, den sie schon eine Weile nicht loswird. Ihr Arzt hat schon länger gesagt, sie müsse sich schonen, müsse ein bisschen kürzer treten. Ha! Ukraine, Putin, Griechenland und bald eine halbe Million Flüchtlinge – da soll die Bundeskanzlerin kürzer treten? So lange man diesen Job macht, tritt man nicht kürzer. Wie lange aber macht sie ihn?

          Die Szene ist natürlich ausgedacht. Aber die Frage taucht nach zehn Jahren Kanzlerschaft allmählich auf. Merkels langjähriger Vertrauter, der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Volker Kauder, sagte kürzlich, es wäre schön, wenn sie wieder als Spitzenkandidatin anträte. „Aber das muss sie natürlich selbst entscheiden.“

          Wer sich in diesen Tagen in der CDU umhört und nach der Zukunft von Angela Merkel fragt, bekommt ähnliche Antworten. Sie alle laufen darauf hinaus, dass die Parteivorsitzende bei der Bundestagswahl in zwei Jahren wieder als Kanzlerkandidatin antritt.

          Na klar, die Umfragen sind gut. Und das in der dritten Amtszeit! Nur am Anfang der Legislaturperiode, da wirkte sie müde, kraft- und initiativlos. Der Sturz beim Skilanglauf zu Beginn des Jahres 2014, als Merkel bei niedrigster Geschwindigkeit in der Loipe umfiel, passte ins Bild. Doch dann nahm sie wieder Fahrt auf, bekam wieder Freude am Regieren.

          Was ihr wichtig sei im Leben, wurde sie unlängst bei einer Veranstaltung gefragt. Familie, Freunde, antwortete Merkel. Und: „Dass mir die Arbeit Spaß macht, das ist auch wichtig“. Das scheint der Fall zu sein.

          Und was, wenn nicht? Wenn sie beschließt, früher von Bord zu gehen und nicht zuzuschauen, wie die immer nervöser werdende SPD das Regierungsbündnis aufkündigt? Wenn sie als erste Regierungschefin der Bundesrepublik nicht warten will, bis sie abgewählt wird wie Kohl und Schröder? Bis die eigene Partei sie verdrängt wie Adenauer? Bis ein Spionageskandal – wie bei Willy Brandt - oder der Seitenwechsel des Koalitionspartners – wie bei Helmut Schmidt - sie das Amt kostet? Wenn sie also selbstbestimmt aus der Fülle ihrer Macht heraus gehen will?

          Das Vorziehen der nächsten Wahl wäre unwahrscheinlich. Dafür gäbe es derzeit keinen Grund. Außerdem wäre ungewiss, wie das Wahlvolk auf einen Rückzug der so erfolgreichen und beliebten Kanzlerin reagieren würde. Der Union könnte es schaden. Also müsste mit den vorhandenen Mehrheiten ein neuer Regierungschef gewählt werden.

          Wie reagiert die SPD bei Rückzug der Kanzlerin?

          Hätte Merkel gewichtige Gründe für ihren Rückzug, könnte es sein, dass die SPD noch einmal mitzieht und einen CDU-Kanzler wählt. Aber sicher nicht jemanden, der bei der nächsten Wahl als aussichtsreicher Nachfolger Merkels antreten und die zwei verbleibenden Jahre der Legislaturperiode als Anlauf nutzen würde. In der CDU heißt es, wenn überraschend ein neuer Kanzler zu wählen wäre, würde die SPD wohl nur Wolfgang Schäuble mittragen. Er wäre ein Mann des kurzen Übergangs.

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