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Bund der Vertriebenen : Viele Funktionäre früher als Nazis aktiv

April 1960: Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Hans Krüger, auf dem Treffen der Landsmannschaft der Schlesier in Bonn
          2 Min.

          Der Bund der Vertriebenen (BdV) hat erstmals eingestanden, dass in seiner Gründungsphase und teilweise bis in die späten neunziger Jahre hinein die Mehrzahl seiner Spitzenfunktionäre erheblich in das nationalsozialistische Regime verstrickt war. Die Präsidentin des Verbandes, Erika Steinbach, teilte am Montag mit, in einer Studie des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) werde deutlich, „dass eine überwiegende Anzahl des damaligen Präsidiumsmitglieder in sehr unterschiedlicher Weise in das NS-Regime eingebunden oder durch eigene NS-Aktivitäten belastet war.“ Frau Steinbach hatte noch vor drei Jahre dem Internetportal „Tagesschau.de“ gesagt: „Aber eines müssen wir sagen, wir haben mehr Widerstandskämpfer bei uns im Verband, als dass wir Nationalsozialisten haben.“

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Der IfZ-Studie war 2007 von Frau Steinbach initiiert und vom Innenministerium mit etwa 100.000 Euro gefördert worden. Vorausgegangen waren Recherchen der Zeitschrift „Der Spiegel“, die eine im bundesdeutschen Vergleich weit überdurchschnittliche Zahl von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern beim Bund der Vertriebenen ermittelt hatte.

          Im Regime engagiert oder vom Regime protegiert

          Wegen internen Schwierigkeiten, ein Forscher erkrankte schwer, und einem zunächst tendenziell apologetischen und jedenfalls handwerklich schlechten Forschungsansatz, musste ihr Erscheinen mehrfach verschoben werden. Das Buch, das dieser Tage erscheint, trägt nun den Titel „Funktionäre mit Vergangenheit“. Elf von dreizehn Mitgliedern des BdV-Gründungspräsidiums werden darin als frühere „Träger des Regimes“ bezeichnet. Lediglich der Anfangsvorsitzende Wenzel Jaksch (SPD) und der CDU-Politiker und nachmalige NPD-Kandidat Linus Kather werden als „Nichtnationalsozialisten“ eingestuft. Im BdV-Präsidium, das öffentliche Aufmerksamkeit genoss, lag der Anteil der ehemaligen NSDAP-Mitglieder bei 61,6 Prozent, schreibt der Historiker Michael Schwartz.

          Unter denen, die nicht in der NSDAP waren, befinden sich außerdem einzelne Personen, die dies wegen ihrer damaligen Staatsangehörigkeit nicht sein konnten oder ihre unbedingte Regimetreue durch frühzeitige Zugehörigkeit zur SS dokumentierten, wie der langjähriger Verbandsvizepräsident Rudolf Wollner. Wollner, der in der „Leibstandarte Adolf Hitler“ war, übte diese Funktion von 1962 bis 1996 durchgehend aus. Über die Parteimitgliedschaft hinaus waren die meisten BfV-Präsiden vor 1945 im Regime engagiert oder vom Regime protegiert etwa als Kriegsverwalter in besetzten Gebieten, „Gebietskommissar in der Ukraine“, „Goldener Gauehrenschild“-Träger Abteilungsleiter in Kattowitz oder SS-Panzergrenadier.

          Die BdV-Präsidentin Erika Steinbach
          Die BdV-Präsidentin Erika Steinbach : Bild: dapd

          In mindestens einem Fall (Schellhaus) sei es, so der Autor der Studie, „sehr wahrscheinlich, dass der Betreffende an der „NS-spezifischen Partisanenkriegsführung“ in Weißrussland beteiligt war, die „auch in Beteiligung an Massenmorden an jüdischen Bevölkerungsgruppen gemündet sein kann“.

          „Engagiert in unsere Demokratie eingebracht“

          Frau Steinbach hebt in ihrer Erklärung hervor, „vom Nationalsozialismus geprägtes Gedankengut oder extremistische Strömungen“ hätten „keinen Eingang in die Verbandspolitik des BdV“ gefunden. Ihr Vorgänger Herbert Czaja hatte, so die Studie, allerdings bereits 1996 festgestellt, es habe im BdV eine „extrem deutschnationale und zum Teil nationalsozialistische Grundbeeinflussung“ gegeben. Das sei „eine aufzuarbeitende Schwäche“. Ein Jahrzehnt später öffnete sich die BdV-Präsidentin dieser Einsicht.

          Ungeklärt bleibt in der Studie die Frage, inwieweit Vertriebenen-Funktionäre ihre Verbandsämter auch aus Interesse einer Strafvermeidung innehatten. Frau Steinbach verweist darauf, dass es im „Millionenheer der Entwurzelten“ Männer „mit zuvor gesammelter organisatorischer Erfahrung waren, die das Heft“ beim BdV in die Hand genommen hätten. Sie hätten sich „engagiert in unsere Demokratie eingebracht“. Im übrigen, schreibt die BdV-Präsidentin, habe es 1949 auch bei der SED in der DDR noch 25 Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder gegeben. „Viele Säulenheilige des Nachkriegsgeisteslebens“, wie etwa Günter Grass oder Walter Jens müssten „inzwischen mit ihrer nicht ganz so lupenreinen Vita leben“.

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