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Bulgaren in Deutschland : Alles was kommt

Razzia: Der Zoll klagt schon lange über eine „Bulgarenschwemme“ auf den Baustellen. Es begann mit der Erweiterung der EU.
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          Vielleicht war es das Auto. Schon Wochen stand es da, das einzige mit bulgarischem Kennzeichen in der ganzen Nachbarschaft. Es war ein gut zwanzig Jahre altes Modell in Mattgrau mit Roststellen an der Motorhaube, das zwischen den akkurat geparkten Limousinen irgendwie verloren wirkte. Und es waren die Schilder am Briefkasten mit immer anderen Namen, welche die Anwohner der Straße irgendwann misstrauisch werden ließen, so dass sie sagten, da stimme etwas nicht, da gingen fremde Männer ein und aus, als lebten dort Familien auf der Durchreise.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Das Haus ist ein Zweifamilienheim am Mühlberg im gutbürgerlichen Stadtteil Sachsenhausen im Süden Frankfurts. Die Haustür steht offen. Abgestandene Heizungsluft dringt durch die Wohnungstür bis ins Treppenhaus, wo sich die Hitze mit dem feucht-muffigen Geruch von Schimmel mischt. Inmitten dieses Muffs sitzt Familie Petrova (Name geändert) auf Matratzen vor einem kleinen Tisch in einem Raum, in dem als Erstes der riesige Schimmelfleck in der Ecke auffällt. Es ist Mittag, die älteste Tochter hat gekocht. Es gibt Schweinefleisch und Kohlrabi.

          Zum Arbeiten nach Deutschland gelockt

          Vor etwa drei Wochen hat die Familie ihren Hausstand in einem Dorf nahe der bulgarischen Stadt Varna aufgelöst. Vater, Mutter und die drei Kinder haben sich in ihr Auto gesetzt und sind fast die ganze Nacht durchgefahren. In Frankfurt, sagen sie, hätten sie Verwandte. Doch nicht die waren es, die ihnen bei der Wohnungssuche geholfen haben. Irgendwann, da waren die Petrovas noch in Bulgarien, habe sie ein Mann angerufen und gesagt, er habe für sie Wohnung und Arbeit, wenn sie nach Frankfurt kämen. Er nannte ihnen die Adresse.

          Als sie dann nach fast zwanzig Stunden Fahrt ankamen, mussten sie bloß noch den Schlüssel entgegennehmen. Sogar das Namensschild klebte neben zehn anderen schon an der Tür. Seitdem kommt jeden Monat eine Art Hausmeister und kassiert die Miete, 600 Euro in bar. Und manchmal, sagen die Petrovas, komme ein anderer Mann, der sich „Micki“ nennt, und bringe sie zum Arbeiten auf eine Baustelle. Ohne Arbeitsvertrag. Ohne Versicherung. Ohne Aussicht auf Weiterbeschäftigung.

          Die Petrovas sind eine von Tausenden bulgarischen Familien, die zum Arbeiten nach Deutschland gelockt werden. Mittlerweile gibt es in allen deutschen Großstädten eine regelrechte „Bulgarenindustrie“, die sich dadurch finanziert, dass Vermittler, vor allem aus dem Baugewerbe, gezielt junge Männer aus dem osteuropäischen Land anwerben - entweder über das Internet oder über Bekannte. Sie besorgen ihnen Unterkünfte, statten sie mit Scheinselbständigkeiten aus und beschäftigen sie auf Baustellen oder im Reinigungsgewerbe. Die Mittelsmänner arbeiten in der Regel für Subunternehmer oder treten selbst als solche auf. Ihre Dienstleistungen bieten sie dann zu Dumpinglöhnen an. Den Preis drücken sie vor allem dadurch, dass sie ihren Arbeitskräften nur ein Bruchteil dessen auszahlen, was denen eigentlich zustünde.

          „Bulgarenschwemme“ auf den Baustellen

          Frankfurt gilt inzwischen als Hauptstadt dieser „Bulgarenindustrie“. Nach derzeitigen Schätzungen von Zoll und Steuerfahndung arbeiten derzeit rund 10.000 bis 17.000 Scheinselbständige in der hessischen Großstadt - die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Der Zoll klagt schon lange über eine „Bulgarenschwemme“ auf den Baustellen, die jene Unternehmen verdränge, die ihre Arbeiter versicherten und ordnungsgemäß Steuern entrichteten. Mit der Erweiterung der Europäischen Union habe man Tür und Tor für ein Missbrauchssystem geschaffen, das kaum mehr zu überblicken sei.

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