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Bürgerwehren : Selbsthilfe gegen die da draußen

  • -Aktualisiert am

Grenzkontrolle selbst gemacht: Ronny, Markus und Eileen warten an einer Oderbrücke auf angeblich marodierende Diebesbanden aus Polen Bild: Lüdecke, Matthias

In Deutschland gibt es immer mehr freiwillige Bürgerwehren. Die Polizei könne ihnen nicht helfen, sagen die Bewohner - doch ihre Selbstermächtigung birgt auch Gefahren.

          Markus leuchtet mit einer großen Taschenlampe auf die Eisenbahnbrücke. „Von da kommen sie“, sagt er. Zwei Gleise führen vom deutschen Küstrin-Kietz hinüber ins polnische Kostrzyn. In der Mitte ist ein schmaler Steg, von dem aus die Schienen kontrolliert werden. „Auf der normalen Brücke fallen die Diebe auf“, sagt er. Neben ihm stehen Eileen und Ronny, ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen, aus Sorge um ihre Sicherheit. Die Straßenlaternen gehen nicht an, es ist dunkel. Wenn um elf Uhr der letzte Zug aus Berlin gekommen ist und der nächste erst wieder am frühen Morgen fährt, ist das Stellwerk unbesetzt, dann wird die Brücke zur Transportroute für Diebesgut. Davon ist Markus überzeugt. Er holt sein Handy aus der Tasche, zeigt ein verwackeltes Video. Drei Gestalten ziehen um fünf Uhr morgens einen Rasenmäher hinter sich her. Es rattert. „Die reden Polnisch, das hört man.“

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Seit dem vergangenen Jahr ist in Küstrin-Kietz, einem Dorf mit 800 Einwohnern, 180 Mal etwas gestohlen worden. 2013 hat sich die Zahl der Diebstähle nahezu verdoppelt. Fast jeder Einwohner hat eine Geschichte zu erzählen: wie einmal der Traktor verschwunden ist, der Spaten geklaut oder das komplette Haus ausgeräumt wurde. „Dit war irgendwann jenug“, sagt Gerhard Schwagerick. Er ist Ortsvorsteher von Küstrin-Kietz, ein Mann mit rundem Gesicht und goldener Brille, 61 Jahre alt. Im Nachbarort Bleyen-Genschmar hatten sie schon im vergangenen Jahr eine Bürgerwehr ins Leben gerufen. „Dann haben wir Kietzer uns anjeschlossen“, sagt Schwagerick. „Die Leute fühlten sich einfach nicht mehr sicher.“ Seitdem sind jede Nacht mindestens zwei der 30 Mitglieder der Bürgerwehr auf Streife, vom späten Abend bis in die frühen Morgenstunden. Heute sind es Markus, 36, Eileen, 31, und Ronny, 32, die durchs Dorf ziehen, während die anderen schlafen.

          Bis zu 30 Bürgerwehren bundesweit

          Deutschlandweit hat die Zahl der Wohnungseinbrüche zugenommen. Besonders in ländlichen, zersiedelten Regionen kann die Polizei zum Teil wenig helfen, wenn ein Bürger Geräusche im Keller hört. Wird ein Einbruch gemeldet, vergehen manchmal Stunden, bis die Polizei kommt. Die Dienststelle Strausberg, die nachts für Kietz zuständig ist, liegt fast eine Stunde entfernt. Mindestens fünf Streifenwagen seien die ganze Nacht in Märkisch Oderland einsatzbereit, heißt es von der Polizei. Allerdings ist der Landkreis fast so groß wie das Saarland. „Die können uns nicht schützen“, sagt Schwagerick. Wie im brandenburgischen Küstrin-Kietz haben sich in vielen Kommunen Bürgerwehren gebildet: Im nahe gelegenen Eisenhüttenstadt, in Radevormwald im Bergischen, in Schöneiche bei Berlin oder in Troisdorf bei Köln. Bis zu 30 sind es bundesweit.

          Die Bürgerwehr steht an der Autobrücke, die Küstrin-Kietz und Kostrzyn verbindet. 200 Meter entfernt liegt die Eisenbahnbrücke. Markus schaut in die Dunkelheit. „Heute Nacht kommen die nicht mehr.“ Das Leuchten der Taschenlampe habe sie abgeschreckt. Dort drüben, auf der anderen Oderseite, liegen die „Verbrecher“ in Markus’ Vorstellung und warten auf den richtigen Moment. „Die haben uns drüben schon mal Lichtzeichen gegeben“, erzählt Eileen, „,Wir haben euch gesehen‘, haben die uns zu verstehen gegeben.“ „Die“, das sind die Unbekannten, die Fremden, die nachts durch Kietz schleichen. Die Mitglieder der Bürgerwehr wissen nicht, gegen wen sie kämpfen. „Zum Teil sind das auch Polen“, sagt Markus. Einmal gebe es die organisierten Banden. Die klauten in Berlin Autos und legten in Kietz einen Zwischenstopp ein, um noch mehr zu klauen, sagt Markus. „Und dann gibt’s die armen Schlucker“, sagt Eileen. „Die kommen rüber, um sich was zu essen oder ein Zubrot zu klauen.“

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