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Bürgerwehren : Selbsthilfe gegen die da draußen

  • -Aktualisiert am

Am Tag Arbeit und Kinder - Nachts nach dem Rechten sehen

Die Funkgeräte der Bürgerwehr piepsen. In Kuhbrücke, einem kleinen Nachbarort, hat ein anderes Mitglied der Gruppe ein verdächtiges Auto gesehen. „Ey, schnell ma’ los. Da ist einer ohne Licht“, ruft Markus und springt ins Auto. Eileen fährt hinterher, beschleunigt. 70, 80 Stundenkilometer. „Scheiße, manchmal ist es ja schon ganz schön aufregend“, sagt sie, die Zigarette noch in einer Hand. Rauschen aus dem Funkgerät: „Entwarnung! Das war nur ein Trottel aus Bleyen, der ist ohne Licht gefahren.“ Eileen hält an. „Wie kann man nur so blöd sein“, sagt sie. „Der weiß doch, dass wir unterwegs sind.“ Wieder zurück zum Grenzübergang an die Oder.

Es ist halb eins. Eileen will jetzt nach Hause fahren. Sie schult gerade zur Steuerfachgehilfin um, morgen hat sie frei. Aber in ein paar Stunden wachen ihre drei Kinder auf. Zum Abschied kurze Umarmungen. „Ne jute Nacht euch noch“, ruft sie den beiden anderen zu, wirft die Zigarette auf den Boden und steigt ins Auto. Die Sonne geht bald auf. Ronny und Markus wollen noch mal nach dem Rechten schauen. Markus silberner Opel Astra fährt vorbei an dem Kasernengelände, in dem mal russische Soldaten stationiert waren. Die Fenster sind eingeschlagen, Pflanzen wuchern. Es geht vorbei an alten Einfamilienhäusern, leeren Arbeiterwohnungen. Einen Ortskern gibt es nicht, keine Kirche, keinen Marktplatz. Nur das Kulturhaus steht an der Hauptstraße, auf dem Parkplatz treffen sie sich jeden Abend um zehn für die Patrouille. Hinter dem Bahnhof abbiegen, über Feldwege, am Wald vorbei, dann gelangen sie an eine Straßenecke. Es ist einer der Knotenpunkte, von hier aus haben sie die Umgehungsstraße, die B1 nach Polen, im Blick. „Wir können genau sehen, wer ins Dorf reinfährt oder abhaut.“

„Die Streife kostet schon ganz schön viel Nerven“

Zwei Uhr. Ronny gähnt. Tagsüber ist er Handwerker, wenn er am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause kommt, legt er sich für ein paar Stunden hin. Um zehn beginnt seine Schicht bei der Bürgerwehr. „Die Streife kostet schon ganz schön viel Nerven“, sagt er. Ein Ende ist nicht in Sicht. Sobald sie aufhörten, schlügen die Diebe wieder zu, glaubt Markus. Sie haben einen Wunsch an die Bundesregierung. „Die Politiker sollten mal ins Schengener Abkommen schauen“, sagt Markus. „Da gibt es so einen Paragraphen, dass man die Grenzen für 30 Tage wieder schließen kann. Das brauchen wir.“ Was danach passiert? Mal schauen. „Vielleicht bleiben die Grenzen einfach dicht.“

Ein Auto nähert sich, das Kennzeichen ist polnisch. Markus und Ronny richten sich auf. Zwei junge Frauen sitzen im Wagen. Sie waren im nahe gelegenen Seelow und haben sich auf dem Rückweg verfahren. Markus flirtet ein wenig, erklärt auf Deutsch und Englisch den Weg: Hier runter, dann abbiegen und auf die Umgehungsstraße. „Danke, vielen Dank“, sagt die Frau am Steuer. Markus notiert das Kennzeichen, macht eine Durchsage mit dem Funkgerät. „Mal sehen, ob wir die gleich wiedersehen“, sagt er. „Die verarschen uns doch“, sagt Ronny. „Die haben einen Rasenmäher hinten drinnen, ich sag’s euch. Oder die waren nur Späher. Sind von Typen vorgeschickt worden, um zu gucken, ob wir hier stehen.“

Markus und Ronny sind zufrieden. Gleich geht die Sonne auf. Nichts wurde gestohlen. Sie haben in dieser Nacht keinen Dieb gesehen, und wenn da einer war - davon sind sie überzeugt -, haben sie ihn aus Kietz verscheucht.

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