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Bürgerwehren : Selbsthilfe gegen die da draußen

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Für eine Hausratsversicherung ist das Risiko zu hoch

Die Fischbude von Harald Schneider wurde schon mehrfach aufgebrochen. „Der Schaden am Verkaufsstand selbst war viel größer als der Warenwert“, sagt Schneider. Er ist Fischer an der Oder, hat neben dem Verkaufsstand noch eine Ferienpension. Seit 2007 wurde 27 Mal bei ihm eingebrochen. Außenbordmotoren, Boote und Fahrräder sind verschwunden. Schneider hat das mal hochgerechnet, 30 000 Euro Schaden sind dabei entstanden. Seit 2007 gibt es keine Grenzkontrollen mehr. An seinem Haus ist eine Kamera montiert, sie ist direkt auf die Boote in der Oder gerichtet. Auch der Verkaufsstand ist überwacht. „Wir nehmen den Ton auf. Wenn sich was tut, spring ich sofort in meine Stiefel“, sagt der 55 Jahre alte Schneider. Eine Hausratsversicherung bekommt er nicht mehr, das Risiko ist zu hoch. Schneiders Gesicht ist zerfurcht. Er sieht aus, als hätte er schon lange nicht mehr durchgeschlafen. Zwei Nächte pro Woche geht er selbst auf Streife. Einmal hat er drei Einbrecher gestellt. Sie waren in eine Datsche eingebrochen. „Wir haben dann mit einigen Leuten das Haus umstellt“, sagt er. Die Einbrecher hätten bewaffnet sein können. „Über so was“, Schneider lacht, „denkt man da nicht nach.“ Er habe eben Glück gehabt.

Waffen dürfen die Mitglieder der Bürgerwehr nicht tragen. Sie sind von der Polizei registriert, werden offiziell „Sicherheitspartner“ genannt. Sie dürfen einen Einbrecher, den sie erwischen, festhalten, bis die Polizei kommt, wie jeder Bürger. Rechtlich ist das nicht unproblematisch: Der Bürgerwehr kann in dieser Situation Freiheitsentzug vorgeworfen werden. Der Leiter des zuständigen Polizeireviers, Thomas Wendland, sagt: „Die Sicherheitspartner sind unsere zusätzlichen Augen und Ohren.“ In Brandenburg gab es vor einigen Jahren eine Polizeireform, die Zahl der Beamten wurde reduziert. „Wir sind auf die Bürger angewiesen“, sagt Wendland. Die Zusammenarbeit mit der Gruppe in Küstrin-Kietz laufe gut. „Aber wer nachts auf Streife geht, muss seine Grenzen kennen.“ Die Bürgerwehr solle die Polizei alarmieren, nicht selbst einschreiten.

Bürgerwehren werden selbst zur Gefahr

Bürgerwehr, das klingt nach Lynchjustiz, nach Hexenjagd. Wer fremd ist, könnte ein Verbrecher sein. In Kremmen bei Berlin hatte es im Mai einen versuchten Einbruch gegeben. Drei Mitglieder einer Bürgerwehr wollten die Täter fangen und sollen zwei polnische Arbeiter niedergeschlagen, sie ins Auto gezogen und später an Europaletten gefesselt haben. Eine halbe Stunde später kam die Polizei. Schnell klärte sich auf, dass die zwei Männer nichts mit dem Einbruch zu tun hatten. Die Mitglieder der Bürgerwehr müssen sich seit Anfang September vor Gericht verantworten.

„Bürgerwehren sind ein großes Risiko“, sagt der Kriminologe Thomas Feltes. Wer nachts auf Streife geht, setzt sich einer Gefahr aus und kann, wie in Kremmen, selbst zur Gefahr werden. Viele Bürger sind unsicher, fühlen sich zu wenig geschützt von der Polizei. „Medien und Politik schüren Ängste“, sagt Feltes. Häufig ist die Rede von Räuberbanden aus Osteuropa. Das sei Panikmache. Oft wissen die Behörden gar nicht, woher die Täter stammen. Viele der veröffentlichten Zahlen beruhen auf Schätzungen. Nicht mal bei jedem fünften Einbruchsfall wird ein Täter gefasst. Im Osten Brandenburgs ist nicht mal jeder fünfte ermittelte Dieb nichtdeutscher Herkunft.

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