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Boris Palmer : Regelverletzungen als Prinzip

Boris Palmer führt durch das neu sanierte Rathaus Tübingens. Auch seine Flüchtlingspolitik soll zum Perfektionismus der Universitätsstadt passen. Bild: dpa

Tübingens Bürgermeister Palmer will gewaltbereite Flüchtlinge nach Syrien abschieben lassen. Solche Einlassungen gefallen fast nur noch der AfD. Bei den Grünen verschreckt er seine letzten Freunde.

          Boris Palmer sitzt im Rollstuhlkreis. Es geht ums Pflaster. Wie rollstuhlfahrergerecht ist es? Palmer macht das, was er auch kann: Kommunalpolitik. Die Kanzlerin und die Flüchtlingskrise sind zur Abwechslung mal weit weg. 35 Grad im Schatten. Die Neorenaissance-Fassade des Tübinger Rathauses mit Porträts von Johann Osiander und Ludwig Uhland glänzt frisch renoviert. Etwa zehn Rollstuhlfahrer haben sich vor dem Rathaus versammelt. Palmer nimmt selbst in einem Rollstuhl Platz, der vorn kleine grüne Gummirädchen hat. „Die behindertengerechten Rampen können schon mal Zeit kosten. Am Stuttgarter Hauptbahnhof habe ich deswegen einmal zwei Minuten länger gebraucht und den Zug verpasst“, sagt Palmer. „Muscht halt laufe“, antwortet ihm einer der Rollstuhlfahrer.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Wer Palmer zum Oberbürgermeister gewählt hat, der weiß, dass er sich für einen unbequemen Provokateur entschieden hat. Das bekommen an diesem Nachmittag auch die Mitglieder des „Rollstuhlsport- und Kulturvereins“ zu spüren. Seit einigen Wochen wird im „Schwäbischen Tagblatt“ diskutiert, ob die neue Pflastermethode in der Altstadt nicht eine Zumutung ist. Der Tross rollt vom Marktplatz in Richtung Hirsch- und Collegiumsgasse, etwa bis zur Studentkneipe Boulanger. Ein Wohlfühltermin ist es nicht.

          Es soll erprobt werden, mit welchem Belag die Neckargasse künftig gepflastert werden soll. Kleines Pflaster, Naturstein, Quader, große Rillen, Fahrzonen in der Mitte des gepflasterten Weges. „Mir wäre überall Asphalt am liebsten“, sagt Ludwig Schmitz-Salue, einer der Rollstuhlfahrer. Aus grüner Sicht ist das eine ketzerische Aussage. Der Oberbürgermeister sagt erstmals nichts, sondern rollte an einem steilen Straßenabschnitt noch ein Stück weiter. Dann sammelt sich die Runde zur Besprechung.

          Palmer könne jetzt sagen, dass er die Forderung nach Asphalt gut verstehen kann. Aber Palmer sagt: „Mich stört nicht der Belag. Der Rollwiderstand war nicht mein Thema, sondern die Steigung.“ Und wenn einigen Rollstuhlfahrern diese Gasse zu steil und zu beschwerlich sei, dann könnten sie doch den Umweg über die Mühlstraße nehmen. „Das sagen die, die keine Behinderung haben, ja immer“, wirft ein Rollstuhlfahrer ein. „Ihre Perspektive trifft leider überhaupt nicht zu“, sagt ein anderer.

          Im politischen Alltag ist es ziemlich häufig so, dass sich die Perspektive des Oberbürgermeisters von den Vorstellungen vieler Bürger und (noch häufiger) von den Auffassungen seiner Parteifreunde stark unterscheidet.

          Palmer hat das politische Prinzip seines Vaters übernommen

          Helmut Palmer, sein 2004 verstorbener Vater, pflegte mit seinen Kunden am Obststand etwa einen Umgang wie Palmer heute mit Wählern, Parteifreunden und Bürgern. Vater Palmer, der Bürgerrechtler, Pomologe und Remstalrebell, beschimpfte Kunden, die das Obst in die Plastiktüte gefüllt haben wollten oder die im Dezember nach Erdbeeren fragten. „Wenn die CDU aufs Land kommt, dann für die Wahlen. Dann dürfen sich‘s die Bürger aussuchen, welcher Zucker ihnen in den Hintern geblasen werden soll: Puder, Kandis oder Würfel“, schrieb Helmut Palmer im Landtagswahlkampf 1976.

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