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Buback-Mord : Ihr Kampfname war Sola

Verena Becker auf einem Foto aus dem Jahr 1975 Bild: AP

Späte Spuren am Bezichtigungsschreiben: 32 Jahre nach dem Mord an Siegfried Buback gibt es neue Verdachtsmomente gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker. Wurde einst gegen die Terroristin nicht wegen Mordes ermittelt, weil sie sich dem Verfassungsschutz anvertraut hatte?

          Lange Zeit musste es für Michael Buback wohl so aussehen, als wenn der Staat kein Interesse an der Aufklärung des Mordes an seinem Vater hätte. Noch 2008 beklagte er, dass mehr als 30 Jahre nach den Schüssen auf den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter Wolfgang Goebel und Georg Wurster Hinweisen auf eine „zierliche Person“, die ein Zeuge einen Tag vor der Tat neben den zwei anderen Tätern in Karlsruhe gesehen haben will, nie nachgegangen worden sei.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Für den Göttinger Chemieprofessor lag der Verdacht nahe, dass Verena Becker diese Person war. Schließlich war auch die Tatwaffe einen Monat nach dem Attentat auf den obersten RAF-Fahnder bei ihrer Festnahme nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Singen gefunden worden. Die Terroristin hatte sich nach ihrer Verurteilung wegen sechsfachen Mordversuchs und räuberischer Erpressung 1981 dem Verfassungsschutz anvertraut, das Schweigegelübde der Roten Armee Fraktion gebrochen und ihre Version über die Tat geschildert. War sie zeitweise gar für deutsche Dienste tätig? Wurde deshalb nicht gegen sie wegen Mordes ermittelt?

          Zeitweise für deutsche Dienste tätig?

          Im April 2008 nahm die Generalbundesanwaltschaft Ermittlungen gegen die Frau auf, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1989 begnadigt hatte. Sogenannte Mischspuren an einem Motorradhelm sowie an einer Jacke und an Handschuhen, die am Tatmotorrad beziehungsweise im Fluchtauto sichergestellt worden waren, konnten nach einer DNA-Analyse den Verdacht gegen sie zunächst nicht erhärten.

          Im Frühjahr dieses Jahres wurden allerdings auf Briefumschlägen seinerzeitiger Bezichtigungsschreiben serologische Anhaftungen, also Speichelspuren, bei einer molekulargenetischen Untersuchung entdeckt, die „in mehreren Merkmalsystemen mit der DNA der Beschuldigten Becker übereinstimmen“, wie die Generalbundesanwältin Monika Harms am Donnerstag mitteilte. Nach einem Gutachten des Kriminaltechnischen Instituts des Bundeskriminalamtes bestünde kein Zweifel, „dass die Beschuldigte die Verursacherin der Anhaftungen“ ist. Aufgrund der neuen Verdachtsmomente sah sich die Generalanwaltschaft zu einer „Reihe von verdeckten Ermittlungsmaßnahmen“ veranlasst; am Donnerstag wurde dann die Wohnung Verena Beckers durchsucht.

          Verena Becker wurde 1952 in Berlin geboren. Nach der mittleren Reife besuchte sie die Haushaltsschule und arbeitete eine Zeitlang als Fabrikarbeiterin. 1971 – inzwischen arbeitslos – engagierte sie sich für die „Schwarze Hilfe“, die sich um vermeintlich politische Gefangene kümmerte. Anfang 1972, als noch Neunzehnjährige, schloss sie sich der „Bewegung 2. Juni“ an, der nach der Roten Armee Fraktion gefährlichsten linksextremistischen Terrorvereinigung der Bundesrepublik, die sich nach dem Tod Benno Ohnesorgs gegründet hatte.

          Aus dem Gefängnis freigepresst und im Jemen ausgebildet

          Im Sommer 1972 wurde Verena Becker erstmals verhaftet, nachdem sie sich an einem Sprengstoffanschlag auf den britischen Yachthafen in Berlin beteiligt hatte, bei dem ein Bootsbauer starb. 1974 wurde sie zu sechs Jahren Jugendhaft verurteilt, aber schon 1975 zusammen mit vier weiteren Terroristen im Austausch für den entführten Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz freigepresst und in den Südjemen ausgeflogen. Dort wurde sie in einem Ausbildungslager der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ geschult – und auf eine Flugzeugentführung vorbereitet. In den Jahren im Untergrund, in denen sie sich den Kampfnamen „Sola“ zulegte, muss sie sich der RAF angeschlossen haben.

          Für die Karlsruher Tat vom 7. April 1977, mit der das blutige Terrorjahr der zweiten RAF-Generation seinen Anfang genommen hatte, waren bislang Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg als Mitglieder des „Kommandos Ulrike Meinhof“ verantwortlich gemacht und später wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt worden. Als Rädelsführerin wurde Brigitte Mohnhaupt zur Verantwortung gezogen.

          Im Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart vom April 1985 hieß es: „Die unmittelbare Tatausführung übernahmen neben dem Angeklagten Klar die ihm seit langem verbundenen ,RAF‘-Mitglieder Sonnenberg und Folkerts, da diese drei in Karlsruhe gelebt hatten und Stadt und Umgebung demnach genau kannten.“ Über die genaue Arbeitsteilung zwischen Motorradfahrer, Sozius und Todesschütze und Fahrer des Fluchtautos ließen sich die Richter nicht eindeutig aus, erwähnten nur, von Klar stehe fest, dass er entweder Lenker oder Sozius der Suzuki war oder den Alfa Romeo gefahren habe.

          Wichtige Hinweise nicht weitergeleitet

          Verena Becker hatte indes 1981 dem Verfassungsschutz berichtet, Sonnenberg habe das Motorrad gefahren, Klar den Fluchtwagen, und nicht Folkerts, sondern der RAF-Terrorist Stefan Wisniewski sei der Todesschütze gewesen. Diese Aussage wurde von den Richtern aber nicht verwertet. Offenbar hatte der Verfassungsschutz sie gar nicht weitergeleitet.

          Weil Zweifel bestanden, ob Verena Becker überhaupt Einblick in die Arbeitsteilung hätte haben können? Der deutsche Inlandsgeheimdienst soll ihre Aussagen ernst genommen haben. Belastete sie also deshalb Wisniewski, weil es ihr eigentlich darum ging, sich selbst zu entlasten? Scheinbar gedeckt wurde Beckers Version zunächst durch Aussagen der früheren RAF-Mitglieder Peter-Jürgen Boock und Silke Maier-Witt, die Jahre später gemacht wurden.

          Folkerts sei gar nicht in Karlsruhe gewesen, sondern auf dem Weg nach Amsterdam; Sonnenberg und Klar hätten die Ortskenntnisse besessen, Wisniewski aber sei an der Waffe geschult gewesen. Ermittlungen gegen ihn, die auch 2008 aufgenommen wurden, und ein DNA-Vergleich mit den Mischspuren am Helm konnten den Verdacht aber nicht erhärten.

          Nun richten sich die Blicke auf Verena Becker. Michael Buback sagt, er selbst sei sich zu 99 Prozent sicher, „aber es wäre wichtig, eine Klärung durch die zuständigen Stellen zu erreichen“.

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