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Brunner-Prozess : In der Grauzone

Der Fall der S-Bahn-Schläger von Solln schockierte ganz Deutschland Bild: ddp

Nach drei Wochen Verhandlungszeit im Fall Brunner, Dutzenden Zeugenaussagen, Gutachten, Tonbandprotokollen und Tatort-Lichtbildern hat sich im Prozess noch wenig geklärt. Nur eines kann als erwiesen gelten: Nichts ist so klar, wie es lange schien.

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          Sie habe gewusst, dass er sterben würde, sagt Yasemin A. vor Gericht. Sie habe es ganz genau gewusst, als sie seine Hand hielt, ihn anschrie, er solle die Augen öffnen, als sie die Sanitäter anschrie, sie sollten schnell kommen, weil er sterbe und sie für ihr Empfinden viel zu langsam die Treppe hinabstiegen, um auf das Bahngleis zu gelangen. Dann erst, als sie gesehen hätten, wie er aussah, seien sie gerannt. Am Hals und an der Hand habe sie seinen Puls gefühlt, ihr Ohr noch auf seine Brust gelegt. „Doch da war nichts mehr.“ Wütend sei sie gewesen, dass keiner gekommen sei und geholfen habe. „Nur ein Herr hat versucht, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen. Ich habe gesagt, dass ich Arzthelferin bin, ob ich helfen kann.“ Ganz blau sei Brunner gewesen, habe am Mund geblutet.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als „Monster“ beschreibt Yasemin A. in ihrer Aussage vor Gericht die beiden jungen Männer, die angeklagt sind, Dominik Brunner durch Schläge und Tritte getötet zu haben. Sie hätten auf ihn eingeschlagen, vor allem der Größere, der Blonde. Der habe auch auf ihn eingetreten, als Brunner schon am Boden lag, einmal von oben nach unten ins Gesicht. Unter Tränen sagte Yasemin A. vergangene Woche aus, wie sie den 12. September 2009 erlebte, als sie in München am Bahnhof Solln aus der S 7 stieg und auf dem Bahnsteig entlanglief. Doch am 12. September 2009, als sie abends bei der Polizei aussagte, klang das noch ganz anders: „Ich habe nicht gesehen, dass einer geschlagen hat. Ich habe gesehen, dass sie sich umeinanderschmeißen. Ich habe nicht gesehen, ob Herr Brunner geschubst oder geschlagen wurde.“

          Zwischen „Nichts gesehen“ und „Monster“ liegen zehn Monate und, wie die Zeugin sagt, unzählige schlaflose Nächte sowie psychologische Beratungen. Ihre Aussagen zeigen abermals, dass sich der Fall Brunner, der in der öffentlichen Wahrnehmung so glasklar schien, spätestens nach drei Wochen Verhandlungszeit, nach Dutzenden Zeugenaussagen, Gutachten, Tonbandprotokollen und Tatort-Lichtbildern, nicht mehr nur in Schwarz und Weiß begreifen lässt. Es gibt auch Grauzonen. Da kann eine Todesursache dann schon mal differenzierter ausfallen als „totgetreten“. So starb Brunner an Herzstillstand aufgrund seines vergrößerten Herzens, das der körperlichen Belastung durch Schläge und Tritte nicht gewachsen war. Eine klare Kausalität - so sieht es das Gutachten. Und da müssen Zeugenaussagen auch nicht mit dem übereinstimmen, was derselbe Zeuge vor Monaten vor der Polizei ausgesagt hat. Aus Angst, das alles noch mal zu durchleben, habe sie damals etwas anderes erzählt, unter Schock habe sie gestanden, sagt Yasemin A., als die Verteidiger ihr die Aussagen vom September vor Gericht vorhalten. Und sie reagiert gereizt, als die Verteidigung abermals nachhakt, wie sie sich denn die Widersprüche erkläre: „Dazu möchte ich nichts mehr sagen.“ Das Gericht wird am Ende des Prozesses über die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu entscheiden haben und dabei Detailreichtum und die Ähnlichkeit zu anderen Aussagen berücksichtigen. Doch im Moment interessiert den Vorsitzenden vor allem die eine Frage, die über den Tötungsvorsatz mitentscheiden wird: „Wer trat auf Brunner ein, als er am Boden lag?“

          Was geschah an jenem Abend in Solln?
          Was geschah an jenem Abend in Solln? : Bild: dpa

          Lebensgefährlicher Tritt

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