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Grenzwertdebatte : „Das dürfte vom Tisch sein“

„Feinstaub-Alarm“ in Stuttgart Bild: dpa

Deutschlands wohl bekanntester Lungenarzt Dieter Köhler wertet seinen Besuch in Brüssel als Erfolg. Er meint erreicht zu haben, dass der Stickstoffdioxid-Grenzwert nicht weiter gesenkt werde. Die Liste seiner Unterstützer wächst, nur ein Arzt ist bislang abgesprungen.

          Dieter Köhler ist soeben aus Brüssel zurückgekehrt. Der Lungenarzt, der mit seiner Unterschriftenliste gegen Diesel-Fahrverbote die Bundespolitik aufmischt und schon in allen großen Talkshows der Republik zu Gast war, durfte seine Kritik an den Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide jetzt in der Europa-Hauptstadt vortragen. Köhler sprach unter anderem mit dem Generaldirektor der EU-Kommission für Umwelt, Daniel Calleja Crespo, und Isabel de la Mata, Gesundheitsberaterin der Kommission. Treffen mit Umweltkommissar Karmenu Vella oder gar mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, auf die Köhler gehofft hatte, kamen allerdings nicht zustande. Köhler glaubt trotzdem, in Brüssel einen Teilsieg errungen zu haben, nämlich dass der Stickstoffdioxid-Grenzwert der EU „immerhin“ nicht auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gesenkt wird, wozu es in der Weltgesundheitsorganisation Bestrebungen gibt. „Das dürfte jetzt vom Tisch sein“, sagte Köhler FAZ.NET. EU-Kommissar Vella ließ indes verlauten, wenn die Grenzwerte überhaupt geändert würden, dann würden sie verschärft und nicht gelockert.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Als Pneumologe, der ambitionierte Grenzwerte für die Luftverschmutzung bekämpft, hat Dieter Köhler bereits viel Aufsehen erregt – und die Ärzteschaft gespalten. Während sich manche Berufskollegen fassungslos die Augen reiben oder „vor Scham im Boden versinken“, wie es der Pneumologe Frank Powitz formulierte, erhält Köhlers Unterstützerliste weiteren Zulauf: In einer aktualisierten Fassung sind nun 133 statt anfangs 112 Unterzeichner aufgeführt. Die meisten von ihnen sind Lungenfachärzte. Auf der Liste stehen aber auch zwei Atemtherapeuten sowie Diplom-Ingenieure wie Thomas Koch, der jahrelang als Motorenentwickler bei Daimler arbeitete.

          „Absurde Konsequenzen“

          Spricht man mit den Ärztinnen und Ärzten, die Köhler unterstützen, führen sie ganz unterschiedliche Gründe dafür an. Manche halten die Grenzwerte selbst für wissenschaftlich schlecht begründet, vor allem den für Stickoxide von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Manche von ihnen haben auch Vorbehalte gegenüber jenen Epidemiologen, die die Richtwerte für Luftschadstoffe ausgearbeitet haben und sie verteidigen. „In der Wissenschaft wäre eine Diskussion mehr als überfällig“, sagt einer, der wie viele andere anonym bleiben will und auf „Mathematiker im Elfenbeinturm“ schimpft. Andere Ärzte beklagen vor allem die politischen Konsequenzen, die aus den Grenzwerten gezogen werden. Diese Ärzte halten Diesel-Fahrverbote für unverhältnismäßig, „da bislang nicht genug Alternativen zur Verfügung stehen“, eine Stilllegung der Fahrzeuge „einer Enteignung gleichkommt“ und auch nicht nachhaltig sei. Eine Ärztin fragt: „Wo landen alle diese Fahrzeuge?“ Santiago Ewig, Chefarzt des Thoraxzentrums Ruhrgebiet, beklagt die unterschiedlichen Messmethoden innerhalb der EU und warnt vor der „absurden Konsequenz, dass unsere Nachbarn demnächst unsere ausgemusterten Diesel billig kaufen. Glaubt jemand ernsthaft, innerhalb der EU sei nur in Deutschland die Luft zu hoch belastet?“

          Dieter Köhler (Dritter von links) bei „Hart aber fair“

          Im Kern sind das Argumente, für die man keine besondere ärztliche Expertise haben, sondern nur eins und eins zusammenzählen muss. Wenn die Diesel wegen des Stickoxid-Problems durch Benziner ersetzt werden, diese aber mehr Feinstaub ausstoßen und gleichzeitig Gesundheitsschäden durch Feinstaub besser belegt sind als solche durch Stickoxide, was selbst viele Befürworter der Grenzwerte so sehen, dann bekämpfen Diesel-Fahrverbote zwar ein Problem, verschärfen aber ein anderes, so dass am Ende nichts gewonnen wäre.

          Und dann sind da noch die Tausenden Toten durch Feinstaub und Stickoxide, die Epidemiologen errechnet haben. Diese Zahlen bringen etliche Lungenärzte auf die Palme. Der in Hamburg niedergelassene Pneumologe Christian Patzer sagt: „Von vielen tausend Toten durch Feinstaub und Stickoxide zu sprechen, ist bloß eine Modellrechnung, und sie macht den Leuten Angst. Mit diesen Toten wird Politik gemacht. Aus den Kliniken hört man die Diagnose aber nicht ein einziges Mal, und das Problem wird auch nicht von meinen Patienten vorgebracht, die ein feines Gespür dafür haben, was sie krank macht. Das geht am Leben und an meiner Arbeit völlig vorbei.“

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