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Namhafte Theologen : Katholiken fordern Wende in der Kirche

Kardinal Reinhard Marx Bild: dpa

In einem offenen Brief an Kardinal Marx fordern namhafte Theologen und Katholiken einen Umbruch in ihrer Kirche – und zwar in vielen Bereichen. Was verlangen sie von Rom?

          Namhafte Theologen und Katholiken in Führungspositionen rufen zu einem tiefgreifenden Wandel in der Kirche auf. In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, schreiben sie, an alle Bischöfe gerichtet: „Binden Sie sich selbst durch echte Gewaltenteilung – das passt besser zur Demut Christi und in den Rahmen der für alle geltenden Gesetze. Bauen Sie die Überhöhungen des Weiheamtes ab und öffnen Sie es für Frauen. Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann.“ Außerdem fordern sie einen „Neustart mit der Sexualmoral“, einschließlich einer „verständigen und gerechten Bewertung von Homosexualität“. Der Brief wird in dieser Zeitung erstmals veröffentlicht, er ist von neun Personen unterzeichnet.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Darunter ist der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, Ansgar Wucherpfennig. Die Bildungskongregation des Vatikans hatte ihm im vergangenen Jahr die Zustimmung zu seiner dritten Amtszeit verweigert. Sie verlangte, er solle Positionen aus einem zwei Jahre zurückliegenden Interview zur Homosexualität, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und zum Frauendiakonat widerrufen. Nachdem Wucherpfennig von angesehenen Theologen, Kirchenrechtlern und akademischen Institutionen unterstützt worden war, erteilte der Vatikan ihm die Genehmigung. Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehört auch der Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 als Rektor am Berliner Canisius-Kolleg Missbrauchsfälle öffentlich machte, woraufhin sich in ganz Deutschland weitere Opfer kirchlich gedeckten Missbrauchs meldeten. Er leitet inzwischen das Kolleg Sankt Blasien. Der dritte einer weiteren Öffentlichkeit bekannte Unterzeichner ist der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz. Er war als entschiedener Kritiker des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst hervorgetreten.

          Sexueller Missbrauch vor allem Missbrauch von Macht

          Der Brief an Kardinal Marx steht im Zusammenhang mit einer bevorstehenden Konferenz im Vatikan. Vom 21. bis zum 24. Februar treffen sich dort auf Wunsch von Papst Franziskus die Vorsitzenden sämtlicher Bischofskonferenzen, um über Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahre zu beraten. Marx hatte kürzlich selbst dazu aufgerufen, bei dieser Gelegenheit „Verantwortung zu übernehmen“. Die Unterzeichner des Briefes bitten ihn, in Rom den „wichtigsten Ertrag“ der von den deutschen Bischöfen beauftragten Missbrauchsstudie zur Sprache zu bringen: „Missbrauch in unserer Kirche hat auch systemische Gründe.“ Die Aussicht auf Macht in Männerbünden ziehe Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockierten notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse. Die Forderung der Unterzeichner nach einem tiefgreifenden Wandel beruht auf dieser Diagnose.

          Die wissenschaftliche Studie war im September 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Demnach fanden sich in den Akten der 27 deutschen Bistümer bei 1670 Klerikern Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger – das waren 4,4 Prozent aller Kleriker. Diesen Personen konnten 3677 betroffene Kinder zugeordnet werden, zu zwei Dritteln Jungen. Gut die Hälfte war beim ersten Missbrauch höchstens dreizehn Jahre alt. Der Anteil von Klerikern mit homosexueller Orientierung war signifikant hoch. Außerdem wurden viel mehr Diözesanpriester des Missbrauchs beschuldigt als Diakone; Diakone unterliegen nicht der Verpflichtung zum Zölibat. Die Forscher vermuteten, dass die tatsächliche Zahl von Tätern und Betroffenen viel größer war, weil viele Fälle nie aktenkundig wurden.

          Zusammenfassend hieß es in der Untersuchung, sexueller Missbrauch sei vor allem auch Missbrauch von Macht. Die Forscher verwiesen auf den „Klerikalismus“ als ein „hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position innehat“. Sexueller Missbrauch sei ein extremer Auswuchs dieser Dominanz. Bei Kirchenverantwortlichen führe ein solches Amtsverständnis dazu, dass sie sexuellen Missbrauch als Bedrohung des klerikalen Systems sähen, Taten vertuschten und Täter deckten. In mehr als der Hälfte der untersuchten Fälle war kein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet worden.

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