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Beate Zschäpe : Taktik oder Sinneswandel?

Beate Zschäpe: „Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“ Bild: dpa

Erwägt Beate Zschäpe wirklich eine Aussage im NSU-Prozess? Oder will sie bloß ihre Verteidigerin Anja Sturm loswerden? Auch deren Kollege Wolfgang Stahl wird in Zschäpes Brief angegangen.

          Wird sie am Ende doch noch aussagen? Seit Wochen schwebt diese Frage über dem Zerwürfnis zwischen Beate Zschäpe und ihren drei Verteidigern, das diese in schriftlichen Stellungnahmen und Gegendarstellungen zum Ausdruck bringen. Jetzt formuliert die Hauptangeklagte im NSU-Verfahren in einer handschriftlichen Stellungnahme vom 18. Juni zumindest die Möglichkeit, ihr Schweigen zu brechen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Scheinbar beiläufig spricht Zschäpe auf der vierten und letzten Seite ihres Schreibens davon, dass ihre Anwälte ihr angekündigt hätten, ihre Bestellung aufzuheben, „sollte ich meine Strategie ändern wollen und eine Aussage zu einzelnen Vorwürfen machen“. Sie beschäftige sich durchaus mit dem Gedanken, etwas auszusagen, daher sei eine weitere Zusammenarbeit „unmöglich“. Sie hätten dies nie so gesagt, erwiderten ihre Anwälte hingegen in ihren Stellungnahmen, die der F.A.Z. ebenso vorliegen wie das Schreiben Beate Zschäpes. Der von ihr hergestellte Zusammenhang zwischen einer „Aussage“ und einem „Entbindungsantrag der Verteidiger“ sei falsch, schreibt Anja Sturm. Alle drei enthalten sich jedoch mit Hinweis auf ihre anwaltliche Verschwiegenheitsverpflichtung weiterer Details.

          Vorwurf: Lüge

          Mit ihrem Schreiben vom 18. Juni hatte Zschäpe die Gelegenheit bekommen, zu den Erwiderungen ihrer Anwälte Stellung zu beziehen. Es herrsche seit ihrem Antrag vom 5. Juni, ihre Anwältin zu entpflichten, „Funkstille“ zwischen ihr und den Anwälten, schreibt Zschäpe. Ihre Anwältin habe vertrauliche Informationen in die Hauptverhandlung eingebracht und wichtige Informationen nicht an die beiden anderen Verteidiger, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl, weitergeleitet. Diese verwahrten sich gegen alle Vorwürfe.

          In dem Schreiben greift Zschäpe ihre Anwältin abermals an: Sie bezichtigt Anja Sturm der Lüge, denn diese habe sehr wohl während einer Zeugenbefragung im März vertrauliche Informationen eingebracht. Ihre Anwälte fragen jedoch, warum Zschäpe ihre Kritik nicht schon damals geäußert habe. Sturm, so Zschäpe weiter, habe das Mandat nur aus finanziellen Gründen übernommen. So habe sie einmal einen Kollegen zu einem Hauptverhandlungstermin schicken wollen, als sie den Termin nicht wahrnehmen konnte, Zschäpe habe dies jedoch abgelehnt. Daraufhin habe Sturm entgegnet: „Ich brauche das Geld.“ Auch das weist Sturm zurück.

          Zschäpes ausgeprägtes Selbstvertrauen, von Zeugen und Anklage immer wieder hervorgehoben, tritt auch in diesem Schreiben zutage: So zitiert die Angeklagte aus einem Brief ihrer Verteidiger vom 15. Juni an sie, um das zerrüttete Vertrauensverhältnis zu dokumentieren. Darin kritisieren die drei Anwälte Zschäpes „Gebaren“, dass sie konkrete Anweisungen erteilen und sich als „Vorsitzende der Verteidigung“ geben wolle. Dies widerspreche dem „Institut der Verteidigung“. Offensichtlich, so die Kritik der Anwälte, habe sie immer noch nicht „verinnerlicht, dass wir nicht Ihre Vertreter sind“. Sie solle zur Kenntnis nehmen, dass allein die Verteidiger zu entscheiden hätten, ob und wie ein Zeuge zu befragen sei, ob sie Erklärungen abgeben oder ob sie die Fragen von anderen Verfahrensbeteiligten beanstanden wollten oder nicht.

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