https://www.faz.net/-gpf-84tzu

Beate Zschäpe : Taktik oder Sinneswandel?

Die Verteidiger verwehren sich scharf gegen Zschäpes Antrag: Sie würden ihr „anmaßendes und selbstüberschätzendes Verhalten“, die Leistung ihrer Verteidiger zu bewerten, nicht weiter akzeptieren. Zschäpes Verhalten verbiete sich vor allem deshalb, weil sie ihre Verteidiger aufgrund „der nur fragmentarischen Weitergabe Ihres exklusiven Wissens“ nicht in die Lage versetze, sie optimal zu verteidigen.

Alle drei Verteidiger haben in ihren Stellungnahmen bestätigt, dass diese Zitate, abgesehen von kleineren Übermittlungsfehlern, korrekt wiedergegeben wurden. Überträgt man die Vorwürfe der „Anmaßung“, sich als „Vorsitzende“ aufzuschwingen, auf das Konzept der Anklage, so stützt der Brief diese passgenau. Immer wieder hat die Bundesanwaltschaft darauf hingewiesen, dass Zschäpe innerhalb des NSU durchaus eine führende Rolle eingenommen habe. So sei sie es gewesen, die gegen eine Flucht ins Ausland gewesen sei, woraufhin sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos fügten.

Twittern während der Verhandlung?

Dass Zschäpe nun versucht, den Graben zwischen ihr und den Anwälten weiter zu vertiefen, zeigen auch viele Niederungen, in die sie sich begibt. So schreibt sie, dass ihr Verteidiger Wolfgang Stahl während der Verhandlung twittere und seinen Urlaub plane. Die Tweets hat Zschäpe sogar ihrem Schreiben als Ausdruck beigefügt. Die Verteidiger von Ralf Wohlleben, die hinter ihr sitzen, könnten das bezeugen, so Zschäpe. Hierfür verwies sie auch auf die aktuelle Rechtsprechung, dass während einer Verhandlung niemand per Mobiltelefon kommunizieren dürfe. Stahl musste sich also notgedrungen auch damit auseinandersetzen: Er habe noch nie während der Verhandlung getwittert. Der Tweet sei zwischen dem 16. Juni, 18.53 Uhr, und dem 17. Juni 6.43 Uhr, weitergeleitet worden - also außerhalb der Verhandlung. Vielmehr folge er der Verhandlung immer „mit der jeweilig gebotenen Aufmerksamkeit“. Auch Wolfgang Heer kam nicht ungeschoren davon. Er surfe während der Verhandlung im Internet, behauptet Zschäpe, woraufhin Heer schreibt, er protokolliere die Äußerungen der Verfahrensbeteiligten wörtlich, mehr brauche er zu diesem Vorwurf nicht zu sagen.

Ob das Gericht Zschäpes Antrag zustimmt, Anja Sturm zu entpflichten, bleibt abzuwarten. Wirklich Substantielles hat Beate Zschäpe nicht vorgetragen. Ihre Anwälte bekunden, dass sie für Gespräche mit ihrer Mandantin jederzeit zur Verfügung stehen.

Beate Zschäpe ist mehrmals ein stark manipulatorischer Wesenszug bescheinigt worden. Insofern könnte ihre Ankündigung, ihr Schweigen vielleicht zu brechen, auch nur dazu gedacht sein, glaubwürdig zu untermauern, wie zerrüttet das Verhältnis zu ihren Anwälten sei. Ob sie wirklich aussagen will oder nicht: Diesmal scheint, im Gegensatz zum Sommer 2014, als sie schon einmal ihren Anwälten das Vertrauen entzog, der Konflikt tiefer zu gehen. Insofern könnte ein Satz in ihrem Schreiben wirklich der Wahrheit entsprechen: „Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“

Weitere Themen

Neues Referendum bei No-Deal-Brexit Video-Seite öffnen

Schottland droht : Neues Referendum bei No-Deal-Brexit

Schottland hat für den Fall eines No-Deal-Brexits ein Unabhängigkeitsreferendum angekündigt. „Wir sollten dies dann 2020 ins Auge fassen“, sagte Sturgeon am Mittwoch bei einem Besuch in Berlin.

Topmeldungen

Emmanuel Macron am Dienstag bei einer Veranstaltung im Elysée-Palast

Frankreich : Der Präsident entdeckt das einfache Volk

Emmanuel Macron will in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit stärker auf die Ängste ärmerer Franzosen vor Migranten eingehen – und stößt damit auf Widerstand.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.