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Andreas Bovenschulte : Ein Parteilinker mit langem Atem für Bremen

Andreas Bovenschulte soll in Bremen Bürgermeister Carsten Sieling beerben. Bild: dpa

Andreas Bovenschulte soll neuer Bürgermeister in Bremen werden. In der Kommunalpolitik hat er sich Respekt auch bei Konservativen verschafft. Eigentlich gilt der SPD-Politiker aber als links.

          Andreas Bovenschulte galt schon mehrfach als Anwärter auf das Amt des Bremer Bürgermeisters, aber jetzt scheint es tatsächlich soweit zu sein: Nach der Nominierung durch den Parteivorstand am Donnerstagabend kann sich der 53 Jahre alte SPD-Politiker schon einmal den Termin für seine Vereidigung in der Bürgerschaft notieren: Voraussichtlich ab dem 15. August wird Bovenschulte, der mit seiner riesenhaften Statur ein wenig an Henning Scherf erinnert, das erste rot-rot-grüne Regierungsbündnis im Westen Deutschlands führen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Bovenschulte muss sich für das geplante Linksbündnis inhaltlich nicht verbiegen. Der Jurist gilt in der SPD als Parteilinker und gehörte auch seit Anbeginn zu den Kritikern von Hartz IV in der Partei. Vor der Bürgerschaftswahl zählte Bovenschulte zudem zu denjenigen Bremer Sozialdemokraten, die den bisherigen Bürgermeister Carsten Sieling intern stärker in Richtung eines Linksbündnisses drängten, sich damit aber erst kurz vor dem Wahltermin durchsetzen konnten.

          Dabei kennen Sieling und „Bovi“ einander sehr gut. Die beiden gebürtigen Niedersachsen lebten einst zusammen in einer Wohnung in Bremen und bahnten sich mit markant linkem Profil auch gemeinsam ihren Weg durch die Partei. Sielings Weg führte nach Berlin in den Bundestag, während Bovenschulte von 2010 bis 2013 Landesvorsitzender der Bremer SPD wurde und damals auch als Kronprinz von Bürgermeister Jens Böhrnsen galt. Nach Böhrnsens Rücktritt im Jahr 2015 kam dann aber nicht Bovenschulte, sondern Sieling zum Zug.

          Bovenschulte ist stolz darauf, Kommunalpolitker zu sein

          Bovenschulte war zu diesem Zeitpunkt bereits zum Bürgermeister in der benachbarten niedersächsischen Kommune Weyhe gewählt worden. Dort hatte er bereits seit 2007 als Erster Gemeinderat in führender Position gearbeitet. Bovenschulte ist stolz auf diese Prägung durch die Kommunalpolitik, mit der er sich bereits in seiner Dissertation befasst hat. Bovenschulte wendet sich gegen das neoliberale Ideal der schlanken Kommune und plädiert stattdessen dafür, dass vom Abwasser bis zum Wohnraum möglichst viel in staatlicher Hand liegen soll. Die Rekommunalisierung solcher Dienstleistungen war in den vergangenen Jahren eines der zentralen Anliegen von Bovenschulte.

          In Weyhe hat der Hobby-Gitarrist aber auch unter Beweis gestellt, dass er nicht nur mit langem Atem seine kommunalpolitischen Ideale verfolgt, sondern auch pragmatisch mit konservativen Kräften umgehen kann. Die dortige CDU, die ihn bereits bei seiner Wahl 2014 unterstützt hatte, ist immer noch voll des Lobes über ihn. Bovenschulte hat sich in Weyhe einen Ruf als strukturierter, verlässlicher und eloquenter Politiker erarbeitet. Kritik gibt es allenfalls daran, dass Bovenschulte sein Amt nun vorzeitig aufgegeben hat, um zum großen Karrieresprung in Bremen anzusetzen.

          Dabei hätte man schon länger wissen können, dass Bovenschultes Rathaus der Träume dort steht. Bovenschulte pendelte immer nur nach Weyhe und wohnte weiter im Bremer „Viertel“, dem alternativen Szenequartier der Hansestadt. Bovenschulte lebt dort mit seiner Frau Ulrike Hiller. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Schulzeit im Leinebergland südlich von Hannover und haben zwei Töchter. Bovenschultes Aufstieg zum Bürgermeister hätte auch für seine Ehefrau einschneidende Konsequenzen: Hiller ist nämlich die Bevollmächtigte Bremens beim Bund und sitzt als Staatsrätin mit am Kabinettstisch. Dass dort künftig schlecht beide als Ehepaar Platz nehmen können, ist beiden klar.

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