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Die Gräber der Zwangsarbeiter

Von OTHMARA GLAS
Fotos: HANNAH ADERS

24. September 2021 · In Bremen soll auf einem „Russenfriedhof“ eine Bahnwerkstatt entstehen. Hört der Senat auf den Protest gegen die Pläne?

Langsam ziehen die Archäologen die orangefarbenen Planen zurück. Diese sollen, mit Steinen beschwert, eine Ausgrabungsstätte im Bremer Nordosten vor Regen schützen. Es ist ein nasskalter Morgen, dunkle Wolken hängen am Himmel. Unsicher schaut Uta Halle in ihrer gelben Regenjacke nach oben. Die Leiterin der Landesarchäologie Bremen sucht auf dem Gelände an der Reitbrake im Stadtteil Oslebshausen nach menschlichen Überresten: Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus der Sowjetunion, die von den Nationalsozialisten dort begraben wurden. Sollte es regnen, müssten die Arbeiten unterbrochen werden. Das Gelände wird von den Bremern „Russenfriedhof“ genannt. Nur ein großes, dunkelbraunes orthodoxes Holzkreuz erinnert an das Leid der Hunderte Zwangsarbeiter, die dort begraben wurden. Ein paar Firmen haben sich rundherum angesiedelt. Auf Bahnschienen, die zum Industriehafen führen, warten Güterzüge auf ihren nächsten Transport. Die Arbeit der Archäologin ist ein Politikum. Denn der Bremer Senat will hier eine Werkstatt, in der Züge repariert und gewartet werden, bauen lassen. Aktivisten protestieren gegen die Pläne und werfen der rot-grün-roten Landesregierung Geschichtsvergessenheit vor. Nun soll Halle klären, ob sich dort tatsächlich noch Überreste von Menschen befinden. 

Deshalb klafft dort, wo die Bahnwerkstatt entstehen soll, ein zwei Meter tiefes, etwa zehn Meter breites und 70 Meter langes Loch. „Wir haben ganz vorsichtig die Erde aufgebaggert, uns Schicht für Schicht vorgearbeitet“, sagt die Archäologin. Sie leitet die Ausgrabung im Auftrag des Senats. Ihr Team ist klein, etwa zehn Leute und zusätzlich ein paar studentische Hilfskräfte. Sie ist sich sicher, dass sie etwas finden werden. Bei Vorarbeiten sind sie auf viel Stacheldraht und Holzpfosten gestoßen. Noch heute ist erkennbar, wo jeder einzelne Pfosten in die Erde gerammt war.

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