https://www.faz.net/-gpf-z4m4

Braunkohletagebau : Das Gegenteil von Landschaft

Er räumt Häuser, Bäume, Sportplätze und Friedhöfe ab: Der Schaufelradbagger im Tagebau Garzweiler Bild: Nedden, Kai

Noch bis ins Jahr 2045 dürfen die riesigen Schaufelradbagger im Revier Garzweiler II die Landschaft wegfressen - ganze Dörfer müssen ihnen weichen. Doch jetzt steht die alte Technologie dem neuen Energiezeitalter im Weg.

          Hinter Immerath ist die Weiterfahrt eigentlich verboten, doch dort steht noch ein Dorf. Rote Ziegelhäuschen, ein einsames Auto, Bretter vor den Fenstern und Container. Ein Ortsschild gibt es nicht, das wird ständig geklaut. Etwa 230 Bewohner hatte das Dorf Pesch einst, dazu einen historischen Rittersitz. Der ist schon abgerissen, der ganze Rest wird Ende des Jahres folgen. Noch eine Handvoll Familien wohnt hier, das aber demonstrativ: Geranien vor dem Fenster und getöpferte Schilder an den Türen halten die Stellung. Hinter Pesch ist die Straße mit einem Bauzaun abgesperrt. Dahinter klafft das größte Loch Europas, Garzweiler genannt – nach einem Dorf, das es schon lange nicht mehr gibt.

          Im Westen des Lochs fressen die Bagger Landschaft weg, im Osten schütten sie wieder auf, und das noch bis ins Jahr 2045, so lange läuft die Genehmigung. 3,8 Milliarden Tonnen Braunkohle werden abgebaut, das ist nur ein Bruchteil dessen, was dort liegt. Vom Rand der Grube aus blickt man fast 250 Meter in die Tiefe. Das 28 Quadratkilometer große Betriebsgelände reicht bis zum Horizont. Dahinter steigen aus Kühltürmen Dampfwolken in den Himmel. In der Grube wälzen sich sechs Schaufelradbagger im Schneckentempo voran, Turmfalken nisten auf ihren Spitzen. Bis zu 220 Meter lang und 96 Meter hoch sind diese Ungetüme. Außen haben sie schon Patina angesetzt, innen jedoch ist neueste Steuerungstechnik verbaut, dazu Toilette und Mikrowelle für die Besatzung. Förderbänder schaffen die Kohle zum Sammelplatz, wo sie von Waggons aufgenommen wird, die auf einem eigenen Schienennetz zu den Kraftwerken fahren. Überall sprühen Wasserschleier gegen den Staub an. Ein silberner Bus fährt vorbei, das ist die Drei-Uhr-Gruppe – dreißig von mehr als hunderttausend Touristen, die jedes Jahr dieses Gegenteil einer Landschaft besichtigen.

          „Diese Braunkohle-Technik, das ist schon beeindruckend“, sagt Peter Jansen, Bürgermeister der Stadt Erkelenz, nordwestlich der Grube gelegen. „Aber ich bestehe immer darauf, mit Gästen auch in die Ortschaften zu fahren, die umgesiedelt werden, und da wird es dann ganz still im Bus. In Pesch kann man sehen, wie ein Dorf stirbt.“ Pesch, Immerath, Lützerath und Borschemisch sind Ortsteile von Erkelenz, sie alle befinden sich gerade kurz vor oder in der Umsiedlung. „Die Bewohner leben mit dem Widerstand schon seit Jahrzehnten. Alle haben bis zuletzt gehofft, dass die Umsiedlung nicht kommt“, sagt Jansen. Aber nach der letzten verlorenen Klage der Kommune war klar: Erkelenz wird ein Drittel seiner Fläche aufgeben. Die Grube namens Garzweiler wandert durch den Südosten der Stadt und wird in 70 oder 80 Jahren ein Naherholungsgebiet hinterlassen.

          Braunkohlekraftwerk des RWE-Konzerns in der Nähe von Pesch

          Das Gewicht des Sandes verdichtete Torf zu Braunkohle

          Erkelenz steht auf einem Boden, der vor 20 Millionen Jahren ein Sumpfwald war. Dann wurde die Gegend von der Nordsee überflutet, die dort einen Sandstrand hinterließ. Das Gewicht des Sandes verdichtete Torf zu Braunkohle. In diesem rheinischen Revier zwischen Köln und Aachen liegen drei Flöze übereinander: Oben Flöz Garzweiler, darunter Frimmersdorf, ganz unten Flöz Morken. Dunkelbraune Schichten, die sich nach kurzer Zeit an der Luft schwarz färben.

          Rohe Braunkohle enthält bis zu 60 Prozent Wasser. Wegen ihres niedrigen Brennwerts wäre der Transport über größere Strecken unrentabel. Kann sie aber in der Nähe verstromt werden, ist sie preiswert. Die Kohlekraftwerke bestreiten die Hälfte der Stromproduktion in Nordrhein-Westfalen, sind aber auch für ein Drittel der Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Geht es nach der neuen rot-grünen Koalition, sollen die Emissionen bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 Prozent „zügig und kontinuierlich“ reduziert werden – so steht es im Koalitionsvertrag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.
          200 Nanometer Durchmesser: Virus Varicella Zoster (VZV)

          Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.