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Braunkohletagebau : Das Gegenteil von Landschaft

62 Jahre wohnte Behr im alten Ort. Er kannte auch Menschen aus dem Dorf Garzweiler, aber damals war alles noch so weit weg. „Man hatte die Illusion, über die Autobahn gehen die nicht drüber“, sagt er. Aber 1982 wurde erst die Bahnlinie stillgelegt, später die Autobahn 44. Die Grube wanderte unaufhaltsam über die Orte hinweg. „Heute muss ich sagen, der neue Ort ist schön“, sagt Behr. „Auch die Vereinsstrukturen, die während der Umsiedlung sehr gelitten haben, sind wieder in Ordnung. Nur die Bäume könnten ein bisschen höher sein. Wir hatten in Otzenrath so schöne große Bäume.“ Die neuen Bäume werden wachsen, und eine katholische Kirche konnten sich die Bewohner für ihr neues Dorf auch erkämpfen. Nun fühlen sich die Otzenrather wieder fast komplett.

In die Grube Hambach passt der Chiemsee zweimal hinein

„Das ist ein irreversibler Eingriff in die Natur und die Landschaft“, sagt dagegen Bund-Geschäftsführer Jansen. „Nach der Auskohlung sind diese Restlöcher da und kein Wasser, um sie zu befüllen. Daher soll Rheinwasser mit Pipelines herbeigeführt werden.“ Damit die Grube während des Abbaus nicht mit Grundwasser vollläuft, werden rundherum Brunnen plaziert, die sogenannte Sümpfung. Was passiert, wenn die Grube ausgekohlt ist, weiß bislang niemand. Zwar wurden in Mitteldeutschland Tagebaue rekultiviert, etwa im Leipziger Neuseenland, doch das sind vergleichsweise kleine Tümpel gegen das, was von 2050 an zwischen Köln und Aachen stattfindet.

„Allein die Grube Hambach ist 400 Meter tief, die Fläche beträgt 40 Quadratkilometer. Da passt der Chiemsee zweimal rein“, sagt Jansen. Ob die Erde rutscht, ob der See versauert, bleibt abzuwarten. Und dass diese Seen ein Ausgleich sein sollen für alte gewachsene Wälder und Kulturlandschaften, ist für Jansen geradezu absurd. Man sollte möglichst nicht der erste sein, der im neuen Dorf ankommt, rät Gert Behr. Aber man sollte auf keinen Fall der letzte sein, der wegzieht. So wie in Pesch, wo nur noch wenige wohnen mit ihren Geranienkästen und Türschildern. „Sie müssen das für sich wohnlich erhalten“, sagt Behr. „Ich hatte den Garten bis zum Schluss picobello.“

Am Ende weichen alle. „Das geht so schleichend. Erst kommt der Gutachter und schätzt das Haus. Jeden Wasserhahn, Eichentüren, Holztäfelung, was ist das wert? Sie müssen auf RWE zugehen, es gibt dann eine lange Verhandlung. Wenn Sie wissen, wie viel Sie bekommen, beginnt die Planung für den Neubau. Dann der Umzug, Sie bekommen einen Container hingestellt und räumen das Haus, Sie müssen das besenrein hinterlassen. Der Briefkasten quillt erst über, dann wird er zugeklebt. Wasser und Stromanschluss werden eingekreist, dann weiß das Wasserwerk, dass der Anschluss abgeklemmt werden kann. Schließlich lassen Sie den Rollladen runter. Es gibt eine Schlüsselübergabe, dann ist man raus. Dann steht das Haus, bis es abgerissen wird.“ Der Fachbegriff für die abgerissenen Ortschaften lautet „abgebaggert“. In Pesch wird es noch dieses Jahr so weit sein, Borschemich folgt 2015. Und danach, Jahr für Jahr, Immerath, Lützerath, Keyenberg, Kuckum, Berverath, Holzweiler, Ober- und Unterwestrich.

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