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Braunkohletagebau : Das Gegenteil von Landschaft

1995 wurde der Ausbauplan für den Tagebau Garzweiler II von der SPD-Regierung genehmigt, die damals noch für die Kohle kämpfte. Nun hat sich die Stimmung gewandelt – „nicht nur in der SPD“, sagt Harry Voigtsberger, der neue nordrhein-westfälische Minister für Wirtschaft, der auch für Energiefragen zuständig ist. „Wir haben eine fundamentale Veränderung in der Gesellschaft, was Umweltschutz und Klimaschutz angeht. Da gibt es jetzt eine hohe Sensibilität.“ Für Braunkohle falle die gesellschaftliche Akzeptanz langsam weg. „Wir müssen aber froh sein, dass wir sie haben. Vor allem, wenn wir den Atomausstieg voranbringen wollen, denn dafür steht die SPD.“

Es sei schon eine Menge in Bewegung geraten

Für Voigtsberger sind die fossilen Brennstoffe eine Brückentechnologie, die vorläufig unentbehrlich sei. Erträglicher werden könne sie allenfalls durch eine verbesserte Kraftwerkstechnik mit höherem Wirkungsgrad. In Verhandlung mit den Kraftwerksbetreibern will die Landesregierung jetzt erreichen, dass die ältesten und ineffizientesten Kraftwerksblöcke bis 2012 abgeschaltet werden. Die Versorgung mit erneuerbaren Energien sei eben nicht von heute auf morgen zu erreichen. Doch es sei eine Menge in Bewegung geraten, nicht nur in Deutschland: „Ich sehe jeden Tag die großen Transporter an der Autobahn, die Windräder nach Frankreich oder Belgien liefern. Das ist ein deutscher Exportschlager“, sagt Voigtsberger.

Wie lange sich die Stromerzeugung aus Braunkohle noch lohnen wird, hängt nicht zuletzt vom Preis der Emissionszertifikate ab, die die Kraftwerksbetreiber von 2013 an ersteigern müssen. Derzeit kostet der Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid 15 Euro. Wenn sich dieser Preis stark nach oben entwickelt, was politisch sogar erwünscht ist, büßt der Kohlestrom seinen Hauptvorteil ein: den günstigen Herstellungspreis. Momentan kostet die Erzeugung einer Kilowattstunde Kohlestrom nur fünf Cent; Strom aus Sonne dagegen vierzig Cent.

Deshalb hoffen die Kraftwerksbetreiber auf die CCS-Technik, die aber noch in der Entwicklung ist. Das Kürzel steht für Carbon Capture and Storage, auf deutsch: Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Das Kohlendioxid wird direkt im Kraftwerk aus dem Rauchstrom abgeschieden, unter Druck verflüssigt und tausend bis zweitausend Meter tief in poröses Gestein verpresst. Darüberliegende Tonschichten sollen verhindern, dass das Gas wieder an die Oberfläche gelangt. Aber im rheinischen Revier gibt es kein für die Lagerung geeignetes Gestein. Schon der Plan, eine Kohlendioxid-Pipeline von Hürth nach Schleswig-Holstein zu bauen, wurde durch Proteste zu Fall gebracht. Und die Bewohner anderer als Lagerstätten in Frage kommender Gegenden, zum Beispiel im brandenburgischen Beeskow, stehen auch schon auf den Barrikaden. Die CCS-Technik spaltet die Parteien, und nicht einmal die Umweltschutzverbände sind sich einig. Die CO2-Abscheidung würde den Kraftwerksbetreibern zwar die Emissionskosten ersparen, doch am Ende könnte das Verfahren so teuer werden, dass sich die Braunkohle trotzdem nicht mehr lohnt.

Das Wetter kennt auch Flauten

„Wenn wir das Klimaschutzziel einhalten wollen, führt an CCS kein Weg herum“, sagt Dr. Peter Moser, Leiter Neue Technologien bei RWE. Sein Arbeitsbereich ist eine unscheinbare Anlage an der Außenwand des Kraftwerks Niederaußem unweit des Tagebaus Garzweiler, wo die Abluft des höchsten Kühlturmes der Welt für ständigen Wind sorgt. Hier befindet sich eine Anlage für CO2-Wäsche, ein Gewirr aus silbrigen Röhren, in dem Abluft von Kohlendioxid gereinigt wird. RWE und den Kooperationspartnern BASF und Linde ist viel daran gelegen, die Anlage zur Marktreife zu entwickeln. Man hofft auf Abnehmer in China und Indien, wo gerade große Braunkohlekraftwerke entstehen, um den Energiebedarf der Wachstumsländer zu decken. Die CO2-Waschanlage läuft im Testbetrieb vielversprechend, das abgeschiedene Gas wird aber in den Rauchstrom zurückgeführt – wo sollte man es auch lagern?

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