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Brandstiftungen im Saarland : Blick unter die Fassade

  • -Aktualisiert am

Die Selimiye-Moschee in Völklingen - an sie wurde die zwölfte Bekenner-DVD des Zwickauer Terror-Trios geschickt Bild: dpa

Kopfschütteln, Schweigen, Wut: Dass Rechtsextreme eine Brandserie im Ort verübt haben könnten, erschüttert die Migranten von Völklingen. Lange winkten die Behörden ab, nun gibt die Bekenner-DVD des Terror-Trios den Gerüchten neue Nahrung.

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          Wer zur Moschee will, muss vorbei am Stahlgerippe der Hütte, die wie ein brauner Krake über die Stadt herrscht, rostig und monströs. Es regnet in Strömen; wie hinter einem Vorhang liegt unüberschaubar das Geflecht von Rohren, dunklen Hallen und versteckten Winkeln. Tausende Möglichkeiten unterzuschlüpfen. Schließlich, nur noch einen Steinwurf von der Moschee entfernt, ein Haus, dessen Eternit-Verkleidung in großen Fetzen abbröckelt wie die Schuppen von einem Fisch, so dass die Beplankung darunter zum Vorschein kommt. Manchmal kann einem bang werden, wenn man unter die Fassade blickt.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Sie haben gebetet wie immer an diesem Samstag, einmütig und konzentriert, und jetzt stehen sie hier im Nebenraum der Moschee im Völklinger Stadtteil Wehrden, die früher einmal ein Kino war; gedämpftes Licht, Holzvertäfelung, eine Mischung irgendwo zwischen Gemeindesaal und Kneipe. Man trinkt süßen schwarzen Tee und redet; über die Anschläge, die die Stadt seit Jahren in Atem halten; über diese DVD, über das ominöse Terror-Trio, das so weit weg schien und plötzlich so nah ist. Mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier umstehen sie den Fremden, der sich für all das interessiert. Da bricht es aus einem Älteren heraus, ein türkischer Wortschwall ergießt sich auf den Besucher. Die Umstehenden nicken heftig, bis einer übersetzt: „Wir haben keine Angst. Sie sollen schreiben, dass wir keine Angst haben.“ Das ist ihnen wichtig: dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Auch durch diese DVD nicht.

          Steht das Terror-Trio aus Zwickau mit einer Serie von Brandanschlägen im saarländischen Völklingen in Verbindung? Elf Mal brannte es zwischen 2006 und 2011 in der Stadt - doch bislang schlossen die Behörden einen rechtsextremistischen Hintergrund stets aus - auch bei diesem Brand aus dem Jahr 2010
          Steht das Terror-Trio aus Zwickau mit einer Serie von Brandanschlägen im saarländischen Völklingen in Verbindung? Elf Mal brannte es zwischen 2006 und 2011 in der Stadt - doch bislang schlossen die Behörden einen rechtsextremistischen Hintergrund stets aus - auch bei diesem Brand aus dem Jahr 2010 : Bild: dpa

          Diese DVD, vielleicht verändert sie alles, auch für Mehmet G., der seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Mitte 30 ist er jetzt, ein zurückhaltender Mann mit kurz geschnittenem Haar. Er war es, der eines Morgens Anfang November die DVD mit dem Paulchen-Panter-Video aus dem Briefkasten der Moschee fischte, und als er sich den Inhalt auf seinem Rechner anschaute, traute er seinen Augen nicht. „Das war widerlich, einfach menschenverachtend.“ G. übergab die DVD der Kriminalpolizei in Saarbrücken - doch was er da wirklich in den Händen gehalten hatte, wurde ihm erst Tage später bewusst, als sie in den Nachrichten über ein Terror-Trio aus Zwickau berichteten, das zahlreiche Bekenner-DVDs an muslimische Einrichtungen in ganz Deutschland verschickt hatte. „Da habe ich gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Jetzt stecken wir da auch mit drin.“ Auch wenn die Zusammenhänge noch nicht erwiesen sind, hat sich für G. nun endgültig der Verdacht bestätigt, dass Rechtsradikale für die Serie von Brandanschlägen auf Völklinger Migrantenfamilien verantwortlich sind.

          Elf Mal hat es zwischen September 2006 und November 2011 gebrannt; immer in Häusern, in denen überwiegend türkische, aber auch afrikanische oder italienische Migranten lebten. Alle Brände wurden ähnlich gelegt, 20 Menschen verletzt, die Täter nie gefasst. Dass die Behörden einen rechten Hintergrund so schnell kategorisch ausschlossen - in einer Stadt, in der Migranten 20 Prozent der Einwohner stellen, rechtsextreme Kameradschaften aktiv sind und die NPD mit zwei Abgeordneten im Stadtrat sitzt -, verstehen hier viele nicht. Und auch nicht, dass erst jetzt, da die DVD die Politik aufgeschreckt hat und plötzlich Vorwürfe laut werden, die Behörden hätten nicht gründlich genug ermittelt, eine Sonderermittlungsgruppe klären soll, ob „fremdenfeindliche oder rechtsextremistische Bezüge in der Vergangenheit möglicherweise nicht hinreichend erkannt worden sind“.

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