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Brandenburg : Übergriffe auf Ausländer als „schrecklicher Alltag“

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Der Potsdamer Mordversuch vom Sonntag morgen ist kein Einzelfall. In Brandenburg werden Ausländer und linke Jugendliche immer wieder Opfer rechtsextremer Gewalt. Eine Chronik der brutalsten Vorfälle.

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          Der Mordversuch an dem 37 Jahre alten Deutschen äthiopischer Herkunft am Sonntag morgen in Potsdam ist für Brandenburg kein Einzelfall. Immer wieder kommt es in dem Bundesland zu gewalttätigen Übergriffen von Rechtsextremisten auf Ausländer oder auch deutsche Jugendliche aus dem linken Milieu. Besonders in Potsdam eskalierte jüngst die Gewalt, in Rheinsberg wurden von Ausländern betriebene Geschäfte und Lokale angegriffen. 2005 ordnete die Polizei 97 Gewaltstraftaten der rechten Szene zu.

          Der Verein „Opferperspektive“ in Potsdam zählt im laufenden Jahr bereits 22 rechtsextrem motivierte Attacken mit vielen Verletzten. Der Mordversuch an dem 37 Jahre alten Mann sei daher „ein Fall, wie er immer wieder vorkommt“, sagt Sprecher Ole Weidmann. Viele Opfer hätten dabei bloß Glück gehabt, daß sie keine schwereren Verletzungen erlitten. Überfälle auf Ausländer seien der „schreckliche Alltag“ in Brandenburg, so Weidmann.

          Von Skinheads zusammengeschlagen

          Das erste Todesopfer ausländerfeindlicher Gewalt im vereinten Deutschland war im Dezember 1990 Amadeu Antonio. Der Angolaner erlag seinen schweren Verletzungen, nachdem er im brandenburgischen Eberswalde aus einer Gruppe von 50 Skinheads und Heavy-Metal-Anhängern heraus zusammengeschlagen worden war.

          Im November 1992 brannte das noch unbewohnte Asylbewerberheim in Dolgenbrodt nach einem Anschlag bis auf die Grundmauern nieder. Im September 1994 wurde ein 25 Jahre alter Asylbewerber aus Ghana bei Hohen Neuendorf aus einer fahrenden S-Bahn gestoßen und dabei lebensgefährlich verletzt. Bewußtlos und mit abgetrenntem Bein lag er mehrere Stunden auf den Schienen, bevor Hilfe kam.

          Querschnittslähmung nach Auto-Verfolgungsjagd

          Am 16. Juni 1996 wurden der britische farbige Bauarbeiter Noël Martin und zwei Arbeitskollegen in Mahlow von zwei rechtsextremistischen Jugendlichen angepöbelt. Es kam zu einer Auto-Verfolgungsjagd, bei der einer der jungen Leute einen schweren Stein auf den Wagen Noël Martins warf. Martin erlitt lebensgefährliche Verletzungen und ist seitdem vom Hals abwärts querschnittsgelähmt.

          Im Februar 1999 hetzten Rechtsradikale den 28-jährigen algerischen Asylbewerber Omar Ben Noui in Guben in den Tod. Omar Ben Noui hatte auf der Flucht vor einer grölenden Horde Rechtsextremer eine Haustürscheibe eingetreten und sich dabei eine Schlagader zerschnitten. Dann verblutete er.

          Bewußtloser mit Stein erschlagen

          Der 24 Jahre alte Rußlanddeutsche Kajrat Batesov verstarb im Mai 2002 an den Folgen eines fremdenfeindlichen Angriffs, der in Alt-Daber bei Wittstock verübt wurde. Anfang des Monats waren er und ein Freund nach einem Diskothekenbesuch von einer Gruppe junger Männer attackiert worden. Batesov wurde, bewußtlos am Boden liegend, mit einem Stein erschlagen.

          Nur zwei Monate später, in der Nacht zum 13. Juli 2002, mißhandelten drei junge Männer im Alter von 17 bis 23 Jahren in Potzlow in der Uckermark den 16 Jahre alten Marinus Schöberl mehrere Stunden lang schwer, bevor sie ihn umbrachten. Seine Leiche vergruben sie in einer Jauchegrube. Nach Einschätzung des Landgerichts Neuruppin spielte dabei die „rechte Einstellung“ der Täter eine Rolle.

          Brandanschläge auf Imbißbuden

          Erst im März dieses Jahres bestätigte der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil gegen fünf Mitglieder der rechtsextremen Kameradschaft „Freikorps Havelland“. Die Gruppe sei eine terroristische Vereinigung gewesen. Vor dem Oberlandesgericht (OLG) hatten die jugendlichen Angeklagten unter anderem neun Brandanschläge auf von Ausländern betriebene Imbißstände und Restaurants in Nauen und Umgebung zugegeben.

          Die Situation für „fremd erscheinende Menschen“ sei gefährlich und schwierig, betont der Leiter des Brandenburgischen Instituts für Gemeinwesenberatung, Wolfram Hülsemann. Er spricht für ganz Ostdeutschland von einem „Verlust der humanen Alltagskultur“.

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