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Brandenburg : Feuerwehr und Fußball

  • -Aktualisiert am

Brandenburg: Die NPD ist präsent, dafür wird viel getan Bild: ddp

Die NPD versucht in Brandenburg mit Bürgersprechstunden, Kinderfesten und Hausbesuchen neue Wähler zu gewinnen. Rechtsradikale sind schon Teil des Stadtbilds. Besonders in Fußballstadien fallen sie durch rassistische Parolen auf.

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          In der Parteizentrale, wo der Linoleumboden streng nach Behörde riecht, herrscht eine konspirative Stimmung. Hinter der Haustür steht der Besucher erst einmal in einer kahlen Schleuse und wird von einem ziemlich großen Parteiaktivisten mit einem ziemlich militärischen Haarschnitt durch ein sehr kleines Fenster beäugt. Erst nach der Gesichtskontrolle brummt der Türsummer. Reporter sind - so hat es den Anschein - willkommen, weil sie die Partei auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft ein Stückchen mitnehmen sollen. Draußen hängt die schwarz-weiß-rote Parteifahne schlapp am Aluminiummast.

          „Sieben bis neun Prozent hätten wir, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahlen wären“, sagt Klaus Beier hinter gesicherten Türen im Schulungsraum. Er ist Bundespressesprecher der NPD, die sich in Berlin-Köpenick hinter Gittern und Stacheldraht verschanzt hat. In Brandenburg ist er Parteivorsitzender. Sieben bis neun Prozent? Vorerst fehlen der NPD in Brandenburg die Leute dafür.

          „Über kurz oder lang Erfolge

          In der Mark gibt es keinen Tino Müller, der es in Mecklenburg-Vorpommern vom Stettiner Haff ins Schweriner Schloss geschafft hat. Auch keinen Uwe Leichsenring, der in Sachsen einen humorvollen volksnahen Politiker gab, bevor er bei einem Autounfall ums Leben kam. Bei der Bundestagswahl im September 2005 kam sie in Brandenburg auf 3,2 Prozent, immerhin doppelt so viel wie der Bundesdurchschnitt. Aber im Landtag sitzt sie nicht - dafür aber die DVU.

          „Da, wo wir Gesicht zeigen können, stellen sich über kurz oder lang Erfolge ein“, sagt Beier. „Wir wollen diejenigen erreichen, die noch etwas zu verlieren haben. Denn bei denen ist die Bereitschaft, NPD zu wählen, größer als bei denen, die der Unterschicht - in Anführungsstrichen - schon angehören.“ Er will mit aller Kraft in die Mitte, aber seine Partei klebt am Rand. Da hilft auch der nächste Funktionärssatz nichts: „Die NPD ist eine demokratische Partei, wie der Name schon sagt.“

          Der lange Marsch in die Mitte der Gesellschaft

          Vor drei Jahren ist Beier nach Brandenburg gezogen, in das Dorf Reichenwalde bei der Kleinstadt Storkow in den Landkreis Oder-Spree. Im Kreistag in Beeskow sitzt er inzwischen mit einem anderen „Kameraden“. Ausgerechnet in der schönen Kreisstadt Beeskow am glatten Wasser der Spree, wo es einen Kulturdezernenten gibt, der die liebliche Landschaft bestimmt so liebt wie sein Bruder, der Schriftsteller Günter de Bruyn, der für die Menschen zwischen Oder und Spree eine Art Heimaterlebnis ist. Hier also ist die Brandenburger NDP am stärksten. Aber wer fragt, was die Abgeordneten der NPD im Kreistag so treiben, kriegt ein knappe Antwort: „Sitzungsgelder abkassieren.“ Abwasserfragen? Kindergartenfinanzierung? Die NPD hat andere Interessen.

          „Wir werden in Beeskow Bürgersprechstunden für Hartz-IV-Empfänger anbieten; dafür werden ja auch Räume vom Kreistag angeboten. Das ist unser kommender Arbeitsschwerpunkt“, sagt Beier. Und über den Großkopierer in der Köpenicker Zentrale sind bereits die Hartz-IV-Protestfaltblätter zu Tausenden gelaufen, die man vor den Arbeitsagenturen und den Sozialämtern verteilen will. Selbst ein Sorgentelefon für junge Leute soll her und kostenlose Hausaufgabenhilfe. Themen außer Hartz IV: Liebeskummer, Alkohol und die binomischen Formeln. Die NPD hat Großes vor: „Vom Menschenschlag her sind in Brandenburg schließlich die gleichen Wahlergebnisse möglich wie in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen.“ In zwei Jahren finden Kommunalwahlen statt, dann die Landtagswahlen. Bis dahin soll der lange Marsch in die Mitte der Gesellschaft gelungen sein.

          Polizei spielt mit der Partei Hase und Igel

          „In Brandenburg haben wir ein Dutzend Menschen an der Hand, die wir aufbauen können“, sagt Beier. In der rechten Szene kursieren Namen, die sonst (noch) kaum jemand kennt: Thomas Salomon in Oranienburg etwa, der dort dem zweiten starken Kreisverband Oberhavel eine Stimme gibt; Frank Odoi, der gleich einem ehrenamtlichen Sozialarbeiter die herumlungernden Halbwüchsigen vor dem Bahnhof von Fürstenwalde anspricht; oder Manuela Kokott, die in Storkow unter ihrer Privatadresse schon mal ein privates Kinderfest mit Hüpfburg und musikalischer Begleitung durch den nationalen Liedermacher Thomas Eichberg organisiert - „ein Tag unter Deutschen, die ein Herz für ihr Volk und Land haben“, heißt es dann in NPD-Zentralorganen.

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