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Brand in Backnang : „Technischer Defekt am wahrscheinlichsten“

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Ermittlungen am Tag nach dem tödlichen Brand: Bisher schließen die Ermittler Brandstiftung oder einen fremdenfeindlichen Anschlag aus Bild: dpa

Bundeskanzlerin Merkel hat nach dem Brand im schwäbischen Backnang, bei dem sieben Kinder und ihre Mutter umkamen, „keine Zweifel, dass die zuständigen Stellen nicht ruhen werden, bis die Brandursache aufgeklärt ist“. Für die Polizei ist ein „technischer Defekt am wahrscheinlichsten“. Der türkische Botschafter spricht den Ermittlern sein volles Vertrauen aus.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bestürzt auf den tödlichen Brand im schwäbischen Backnang reagiert. Die Kanzlerin sei zutiefst erschüttert über die furchtbare Brandkatastrophe, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Montag in Berlin. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, habe dem türkischen Botschafter am Sonntag im Namen der Bundesregierung kondoliert. Das Kanzleramt habe der baden-württembergischen Staatskanzlei jedwede Hilfe zugesagt.

          Mit Blick auf skeptische Äußerungen aus der Türkei zur deutschen Ermittlungsarbeit sagte Streiter: „Die Bundeskanzlerin hat keinen Zweifel, dass die zuständigen Stellen nicht ruhen werden, bis die Brandursache aufgeklärt ist.“ Bei dem Feuer waren am Wochenende eine Mutter türkischer Herkunft und sieben ihrer Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren ums Leben gekommen.

          Am Montagnachmittag informierte die Polizei über ihren Ermittlungsstand. „Ein technischer Defekt im Gebäude ist am wahrscheinlichsten“, sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder in Backnang. Derzeit gebe es keine Anhaltspunkte für andere Brandursachen. Man ermittele dennoch in alle Richtungen.

          Der türkische Botschafter sprach den deutschen Sicherheitsbehörden sein volles Vertrauen aus. „Es handelt sich um ein technisches, kriminaltechnisches Verfahren, es gibt keinen Anlass, dass wir nicht vertrauen sollten“, sagte Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu bei einem Pressegespräch in einer Moschee in der Nähe des Brandorts. Auch sollten zunächst keine türkischen Spezialisten eingesetzt werden. Zuvor hatte Kriminaldirektor Michelfelder angeboten, auch türkische Experten an den Ermittlungen zu beteiligen.

          Gül: „Ernsthaft in alle Richtungen ermitteln“

          Zuvor hatte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül eine umfassende Untersuchung der Brandursachen gefordert, zugleich aber vor voreiligen Schlüssen gewarnt. „Jetzt schon etwas zu sagen, wäre nicht richtig“, sagte Gül. Die Türkei ziehe vor dem Hintergrund früherer Vorfälle jedoch „alle Möglichkeiten“ in Betracht. „Leider gab es in der Vergangenheit Feuer, Brandstiftungen und Morde an unseren Bürgern. Deswegen prüfen wir alle Möglichkeiten“, wurde Gül am Montag von türkischen Medien zitiert.

          Zuvor hatte der stellvertretende türkische Regierungschef Bekir Bozdag eine umfassende Untersuchung der „wahren Brandursachen“ gefordert und mitgeteilt, Ankara werde die Ermittlungen der deutschen Behörden aufmerksam verfolgen. Die deutsche Polizei und Feuerwehr dürften bei ihren Ermittlungen keine Möglichkeit ausschließen. Eine Stellungnahme des türkischen Außenministeriums war ähnlich gehalten. Ankara erwarte von den deutschen Behörden, dass sie „ernsthaft“ in alle Richtungen ermittelten.

          „Hoffen, dass dies kein zweites Solingen ist“

          Auch die oppositionelle „Republikanische Volkspartei“ entsandte eine Delegation nach Stuttgart mit dem Auftrag, den Vorfall zu untersuchen. „Wir hoffen wirklich, dass kein rassistisches Motiv dahinter steckt. Wir hoffen, dass dies kein zweites Solingen ist“, sagte ein Parteisprecher am Montag. Der Brandanschlag von Solingen aus dem Jahr 1993 steht für die in der türkischen Bevölkerung weit verbreitete Überzeugung, dass Türken in Deutschland systematischer und oft gewaltsamer Verfolgung ausgesetzt seien. In türkischen Medien fand am Montag zudem die Nachricht Aufmerksamkeit, dass ein Grieche das Feuer zuerst bemerkt und drei Menschen das Leben gerettet habe.

          Der größte islamische Dachverband in Deutschland, Ditib, forderte, die deutschen Sicherheitsbehörden dürften keine Optionen vorschnell außer Acht lassen. „Nur durch ein rasches, transparentes und glaubwürdiges Ermittlungsergebnis kann unnötigen Spekulationen vorgebeugt werden“, erklärte die türkisch-islamische Union in Köln.

          Bei rechtsextremen Anschlägen auf von Türken bewohnte Häuser in Mölln und Solingen waren 1992 und 1993 insgesamt acht Personen getötet worden. Auch nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen, bei der im Jahr 2008 neun Türken starben, wurden in der Türkei Vorwürfe laut, das Feuer sei von Neonazis gelegt worden.

          Die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle NSU, der acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Bürger sowie eine Polizistin zum Opfer gefallen waren, hatte in der Türkei die Sorge über fremdenfeindliche Tendenzen in Deutschland weiter verstärkt.

          Familie macht Vermieter schwere Vorwürfe

          Angehörige der Opfer der Brandkatastrophe in Backnang haben dem Vermieter der Wohnung und den Behörden unterdessen schwere Vorwürfe gemacht. Die elektrischen Leitungen in der Wohnung seien total marode gewesen, sagte die Großmutter der sieben getöteten Kinder, Hatice Ö., am Montag in der Backnanger Moschee. Der Vermieter habe sich aber nicht darum gekümmert.

          Wegen der schlechten Wohnverhältnisse habe sich die 40 Jahre alte Mutter der Kinder mehrfach an deutsche Ämter gewandt, erklärten weitere Familienmitglieder. Das Jugendamt sei auch mehrfach in der Wohnung gewesen. Ein Polizeisprecher erklärte, der Vermieter werde im Zuge der Ermittlungen der Brandursache ebenfalls vernommen.

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