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Brand in Asylunterkunft : Mehr als ein Loch im Dach

  • -Aktualisiert am

„Der ideelle Schaden ist größer“: Feuerwehrleute begutachten am Mittwoch den Brandschaden in Limburgerhof Bild: dpa

Ist Limburgerhof das neue Tröglitz? Nach dem Brand in einer dort geplanten Asylbewerberunterkunft beteuert die versammelte Politikprominenz, die Einwohner seien nicht fremdenfeindlich.

          In der rheinland-pfälzischen Gemeinde Limburgerhof quietschten kurz nach zwei Uhr nachts Autoreifen. Eine Zeugin will das gehört haben. Und gesehen, wie ein Auto von einem gerade erst aufgestellten Fertighaus wegfuhr. Das Flachdach des Hauses brannte. In sechs Wochen sollten hier 18 Flüchtlinge einziehen. Bürgermeister Peter Kern, ein feinsinniger Sozialdemokrat von 70 Jahren, will weiterhin versuchen, den Termin einzuhalten: Jetzt erst recht. Noch in der Nacht ist er zu der Unterkunft geeilt, hat gesehen, wie die Feuerwehr das Ausmaß der Zerstörung eindämmte. Ein Loch im Dach, von außen sieht man nicht viel. Die Rede ist von 50.000 Euro Sachschaden. Am Mittwochvormittag sagt Kern, der während des Bosnien-Kriegs Flüchtlinge bei sich zu Hause aufgenommen hat: „Der materielle Schaden fällt nicht so sehr ins Gewicht, aber der ideelle.“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Zu diesem Zeitpunkt ist die Brandursache noch unklar. Der Leitende Oberstaatsanwalt aus Frankenthal, der ebenfalls zur Flüchtlingsunterkunft gekommen ist, sagt, es werde „in alle Richtungen“ ermittelt. Er lässt allerdings erkennen, dass „die beabsichtigte Verwendung des Gebäudes“ sowie die erste Begutachtung der Brandstelle an vorsätzliche Brandstiftung denken lassen. So ein Verbrechen wäre jedenfalls nicht schwer auszuführen gewesen: Das Haus ist eingerüstet, man konnte ohne weiteres aufs Dach steigen. Dort lagerten Bitumenrollen, die leicht brennen. Und die Straße, die direkt am Haus vorbeiführt, ist als Fluchtweg ideal.

          Ein neues Tröglitz?

          Ist Limburgerhof das neue Tröglitz? Diesem Eindruck sucht die versammelte rheinland-pfälzische Politikprominenz an Ort und Stelle entgegenzutreten. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagt: „Wir stellen die Willkommenskultur unseres Landes nicht in Frage, ganz im Gegenteil.“ Sie ist am Morgen mit dem Flugzeug aus Berlin gekommen und direkt nach Limburgerhof geeilt. Ebenfalls da: Oppositionsführerin Julia Klöckner und Christian Baldauf, der Erste stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion. Später folgen noch die grüne Integrationsministerin Irene Alt, die eine Dienstreise nach Paris unterbrochen hat. Sie alle machen deutlich, dass die Bevölkerung von Limburgerhof in vorbildlicher Weise hinter der Aufnahme von Flüchtlingen stehe.

          Aber stimmt das überhaupt? Immerhin gibt es eine Gruppierung namens „Der III. Weg“, die in Limburgerhof schon zwei Demonstrationen abgehalten und rechtsextremistische Flugblätter verteilt hat. Ein Anruf bei der Gruppierung wird von einer Frau angenommen, die sich mit „Der III. Weg“ meldet, dann aber behauptet, sie sei lediglich die Putzfrau. Vor 18 Uhr, sagt sie, sei niemand zu erreichen. Die Rechtsextremisten agieren vor allem in der Rhein-Neckar-Region, ihren Sitz haben sie offenbar in Bad Dürkheim, also etwa 20 Kilometer von Limburgerhof entfernt. Sie sind also selbst Fremde in der Gemeinde.

          Und das ist nicht der einzige Grund, warum am Mittwoch die Beteuerungen der anwesenden Bürger, ein möglicher Anschlag passe nicht zu ihrer Gemeinde, glaubhaft erscheinen. Tatsächlich hat Limburgerhof viel Erfahrung mit der geglückten Integration von Auswärtigen. Erst kamen die Mennoniten, später die Donauschwaben, schließlich, über das Agrarzentrum von BASF, viele weltoffene Leute von weit her.

          Geglückte Integrationsbemühungen

          Natürlich kann man diese Menschen nur bedingt vergleichen mit den etwa 50 Flüchtlingen aus Afghanistan, Somalia oder Ägypten, die schon heute meist als Familien dezentral in Limburgerhof leben. Dennoch: Was getan werden kann, um sie zu integrieren, scheint in Limburgerhof getan zu werden. Der evangelische Pfarrer berichtet, wie man Flüchtlingen beigebracht habe, aus dem ihnen fremden Blumenkohl ein vernünftiges Gericht zu machen. Und die Erste Beigeordnete, die in der Gemeinde für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig ist, erzählt, dass Lehrer ehrenamtlich Sprachkurse anböten und die Kinder der Unterrichteten in dieser Zeit betreut würden. Sie bemängelt allerdings auch, dass die Verantwortung für die Flüchtlinge zwischen Land und Bund aus ihrer Sicht hin- und hergeschoben werde. „Ich überleg' mir manchmal, wo leb' ich eigentlich.“

          Am Nachmittag verdichten sich dann die Hinweise, dass die Tat einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte. Das Gerücht macht die Runde, dass schon am Abend vor dem Brand verdächtige Bewegungen im Umfeld des Hauses beobachtet worden seien. Deutlich wird aber auch, dass Limburgerhof bereits jetzt Gegenstand der politischen Auseinandersetzung geworden ist. Während Dreyer darauf hinweist, wie viel Geld das Land 2016 für die Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung stelle, bedauert die CDU am Nachmittag in einem Papier zur Flüchtlingspolitik, „dass die rheinland-pfälzische Landesregierung bislang keinen Flüchtlingsgipfel mit den Kommunen ausgerichtet und den Flüchtlingsgipfel der CDU-Landtagsfraktion sogar kritisiert hat“.

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