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Palmer, Kubicki, Castorf : Kritik an Corona-Maßnahmen

  • Aktualisiert am

Ein altes Ehepaar spaziert bei Frühlingswetter in Frankfurt am Main durch einen Wald. Bild: Cabrera Rojas, Diana

Wolfgang Schäuble hinterfragt in der Corona-Krise den Vorrang des Lebensschutzes. Boris Palmer und Theaterregisseur Castorf stimmen mit drastischen Worten zu. Und Wolfgang Kubicki wirft dem Robert-Koch-Institut vor, „politisch motivierte Zahlen“ zu verbreiten.

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          Der Grünen-Politiker Boris Palmer hat den weltweiten Lockdown der Wirtschaft wegen der Corona-Krise abermals scharf kritisiert. „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“, sagte der Tübinger Oberbürgermeister am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben.

          „Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“, sagte Palmer. Er hatte schon früher die Politik zur Corona-Eindämmung kritisiert und für strenge Quarantänemaßnahmen für Risikogruppen sowie eine rasche Öffnung der restlichen Gesellschaft plädiert. Palmer empfahl in der Fernsehsendung darüber hinaus, alle verfügbaren Testkapazitäten einzusetzen, und sprach sich – anders als seine Partei – für eine verpflichtende Handyapp aus, die Infektionen nachverfolgt.

          „Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung“

          Auch Theaterregisseur Frank Castorf (68) hält die Einschränkungen in der Corona-Krise für überzogen. Im Augenblick entspreche der Nutzen der Regelungen nicht dem Aufwand, sagte der frühere Intendant der Berliner Volksbühne in einem Interview des „Spiegel“ und kritisierte den „Grad der Ideologisierung“ der Entscheidungen. „Schon die Worte „Lockdown“ und „Shutdown“ machen mich bösartig“, sagte er. Er sei aber weder Biologe noch Mediziner.

          Kritisiert die Corona-Maßnahmen scharf: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.

          „Ich arbeite im Theater, da erhält man sich die Bereitschaft zum Fantasieren, zum Nachdenken über das, was außerhalb geschieht“, sagte Castorf. Der Regisseur, der für seine oft überspitzten und provokanten Aussagen bekannt ist, bemängelte auch die Freiheitsbeschränkungen. „Ich möchte mir von Frau Merkel nicht mit einem weinerlichen Gesicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss. Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung“, sagte er. Zudem vermisse er den „Protest“ der Bevölkerung. „Wir Deutschen (...) haben vor allem Angst. Wir unterwerfen uns gläubig den Dekreten von Virologie-Professoren und Politikern.“

          Diesen „hässlichen Opportunismus“ stelle er sogar bei sich im Theater fest. Bis vor kurzem sei dort „der alte weiße Mann“ der Hauptfeind gewesen. „Jetzt ist das Virus da, und auch in den Theatern finden plötzlich alle, jeder Alte, auch wenn er über 80 Jahre und ein Mann ist, sollte um jeden Preis geschützt werden“, sagte er. Ohnehin sehe er nicht den Nutzen, „wenn man alte Menschen, die jetzt als Risikogruppe Nummer eins bezeichnet werden, einfach einsperrt“. Das mache die Psyche kaputt und nähre den Lebensüberdruss, sagte Castorf. Er selbst habe keine Angst vor dem Tod. „Ich bin nicht mystisch oder religiös. Ich bin Fatalist. Wenn ich todkrank werde, werde ich sagen: Es war ein gutes Leben.“

          Darüber hinaus hat der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki das Robert Koch-Institut und seinen Präsidenten Lothar Wieler wegen der regelmäßig verbreiteten Corona-Zahlen scharf kritisiert. Diese „vermitteln eher den Eindruck, politisch motivierte Zahlen zu sein als wissenschaftlich fundiert“, sagte Kubicki der Deutschen Presse-Agentur. Er wies insbesondere auf die Reproduktionszahl hin, die nach RKI-Angaben bundesweit von 0,9 auf 1,0 gestiegen ist. Während Ministerpräsident Markus Söder für Bayern, das Land mit den meisten Infektionen, einen R-Wert von 0,57 verkünde, melde das RKI bundesweit einen Wert von 1, sagte Kubicki.

          „Woher dieser Wert bei sinkenden Infektionsraten kommen soll, erschließt sich nicht einmal mehr den Wohlmeinendsten.“ Dass Wieler auf einen Methodenwechsel bei der Berechnung des Wertes und nunmehr auf seine abnehmende relative Bedeutung hinweise, sei erstaunlich. „Es trägt nicht dazu bei, die täglichen Wasserstandsmeldungen des Instituts noch für seriös zu halten.“ Hinzu komme, dass die vom Helmholtz-Zentrum und der TU Ilmenau ermittelten Werte deutlich von den Schätzungen des RKI abwichen, sagte Kubicki, der auch Vizepräsident des Bundestags ist. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der R-Wert des RKI steigt ausgerechnet zur Konferenz der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten, bei der vor weiteren Lockerungen gewarnt werden soll.“

          „Schon die Worte „Lockdown“ und „Shutdown“ machen mich bösartig“, sagt Frank Castorf.

          Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt. Ein Wert von 1 bedeutet, dass ein Infizierter das Virus auf genau einen anderen Menschen überträgt. Um die Pandemie abflauen zu lassen, müsste der Wert unter 1 liegen. Die Größe ist ein wichtiger Faktor bei den Beratungen von Bund und Ländern über weitere Lockerungen der coronabedingten Beschränkungen

          Im Gegensatz zu den Einlassungen von Palmer, Castorf und Kubicki findet SPD-Chef Norbert Walter-Borjans die jüngsten Äußerungen von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) zu den Corona-Maßnahmen  „gefährlich“. Mit der Aussage, es könne nicht alles dem Schutz von Leben untergeordnet werden, lasse Schäuble bei einigen den Eindruck entstehen, „nun sei es auch mal gut mit den Einschränkungen“, kritisierte Walter-Borjans in der Zeitung „Die Welt“ vom Dienstag. Rückendeckung bekam der Bundestagspräsident hingegen von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und dem Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats.

          Schäuble hatte dem „Tagesspiegel“ zur Einschränkung von Grundrechten in der Corona-Krise gesagt: „Wenn ich höre, alles Andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ Er warnte zugleich vor einem Kippen der Stimmung in der Bevölkerung wegen der Restriktionen - „es wird schwieriger, je länger es dauert.“ Wenn jetzt wegen einer „falsch verstandenen Güterabwägung zwischen Geld oder Leben“ voreilig Beschränkungen gelockert würden, „verlieren wir am Ende beides“, warnte Walter-Borjans. „Es geht um die Massivität der Lebensbedrohung durch Corona und die erkennbare Chance, die Pandemie in den Griff zu kriegen.“

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          „Schäuble hat recht“, urteilte hingegen der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet. „Die ernsthafte Abwägung zwischen Gesundheitsrisiken einerseits und Schäden des Lockdowns andererseits fordert schon das Gebot der Verhältnismäßigkeit aus unserem Grundgesetz“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt sagte, der Staat müsse das Leben seiner Bürger schützen und alles daran setzen, niemanden mutwillig zu gefährden und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahren. Allerdings müsse auch bedacht werden, „dass das Leben noch viel mehr Facetten hat als das bloße Überleben“. Deswegen brauche es Vorkehrungen, damit Ältere nicht in Heimen vereinsamten oder Kinder über viele Wochen niemanden außerhalb der Familie sehen könnten, sagte Göring-Eckardt. „Das ist für mich kein entweder oder, sondern eine Frage der Verhältnismäßigkeit.“

          Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sagte dem „Handelsblatt“: „Wir dürfen Lebenslänge nicht grundsätzlich über Lebensqualität stellen.“ Der Ethikrat habe bereits darauf hingewiesen, dass dem Schutz des menschlichen Lebens nicht alles untergeordnet werden dürfe. „Wenn der protokollarisch zweite Mann im Staat diese Aussage macht, dann erhält diese auch eine staatstragende Bedeutung“, lobte Dabrock Schäuble.

          FDP-Chef Christian Lindner sagte der „Welt“, den Debattenbeitrag des Bundestagspräsidenten „muss man angesichts der drastischen Eingriffe in die Freiheit ernst nehmen“. Die Corona-Krise „rechtfertigt nicht alles, auch bei großen Mehrheiten nicht“.

          Der Essener katholische Bischof Franz-Josef Overbeck erklärte im „Kölner Stadt-Anzeiger“, er halte es nicht nur für unangemessen, sondern sogar für gefährlich, unter Verweis auf den absolut übergeordneten Schutz des Lebens „jede weitere notwendige Diskussion moralisch von vornherein unmöglich zu machen“. Stattdessen brauche es den „Mut, offen zu benennen, dass es keine einfachen und unstrittigen Wege aus der Krise geben wird“, so Overbeck.

          Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford Strohm, sagte dem Hessischen Rundfunk, der Grundsatz vom Schutz des Lebens rechtfertige gravierende Einschränkungen. Wenn aber etwa Menschen etwa im Pflegeheim verlassen stürben, müsse man andere Abwägungen treffen.

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