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Löcher im Kanzlersessel

Von GÜNTER BANNAS

23.09.2016 · Ein Ort, der Geschichte atmet: Das Bonner Kanzleramt war einst das Machtzentrum der Bundesrepublik. Dort können Besucher bald Helmut Schmidts Aschenbecher besichtigen. Ein Rundgang.

© Michael Gottschalk/photothek.net Schutzraum im früheren Bundeskanzleramt.

Die Räume wären zur Hölle geworden. Verbrannt, erstickt, elendig zugrunde gegangen wären die Beamten, die hier Schutz zu suchen gehabt hätten. Atomschutzbunker seien das gewesen, sagen die Kenner des Hauses, und kopfschüttelnd sagen sie noch, so sei das eben gewesen – in den Zeiten des „Kalten Krieges“. Unten an der Einfahrt zur Tiefgarage des einstigen Machtzentrums der Bundesrepublik Deutschland.

Eine Stahltüre. Beton. Niedrige Decken. Röhren, angeblich zur Entlüftung. Enge Gänge. Vier Zimmer, fensterlos. Schutzräume wurden sie genannt. Ein paar Feldbetten, je drei übereinander. Viele Sitzschalen mit Kopfstützen. Eine Toilette, die wohl treffender als Klo zu bezeichnen ist, gab es auch. Vierzig Menschen hätten hier unterkommen können. Mal vier. Wie es ausschaut, wäre im Falle des Falles keiner herausgekommen. Die Zeiten waren es, als Schüler noch den Hinweis erhielten, im Falle des atomaren Schlages der Sowjets mit dem Schulranzen über dem Kopf unter die Tische zu kriechen.

Ortstermin I, Bonn, altes Regierungsviertel. Alles ist anders als früher. Der berühmteste Zeitungs- und Zigarettenkiosk der Bundesrepublik, gelegen vor dem Eingang zum Bundesrat, wo einst die wichtigen Leute der Bonner Republik auch heiße Würstchen aßen, ist immer noch „eingemottet“.

Wo früher die bedeutenden Fernsehleute wirkten, steht nun ein Parkhaus. Das ganze alte Regierungsviertel scheint in den Händen von Niederlassungen („Sekretariaten“) der Vereinten Nationen.

© dpa Am Bonner Rheinufer hat sich seit den Tagen der alten Bundesrepublik viel verändert: Auch der legendäre Kiosk im ehemaligen Regierungsviertel musste weichen, allerdings nur vorübergehend.

In den hochherrschaftlichen Villen sind nicht mehr die Landesvertretungen der Bundesländer untergebracht, sondern Büros der Deutschen Post. Das Internationale Kongresszentrum ist fertig. Ein neues Hochhaus soll am alten „Wasserwerk“ entstehen, in dem 1991 der Bundestag seinen Berlin-Beschluss gefasst hatte. Die Dahlmannstraße, einst Adresse der großen Zeitungen der Republik, heißt nun Karl-Carstens-Straße.

© Michael Gottschalk/photothek.net Vor dem Bundeskanzleramt steht eine Bronzeskulptur des Bildhauers Henry Moore.

Ortstermin II, Bonn, Bundeskanzleramt. Hier auf dem Gelände scheint alles wie früher. Die Sicherheitsgatter, an denen der Legende nach der junge Schröder mit seinem „Ich will hier rein“ gerüttelt hat. Die Kontrollstation. Die in Terracotta-Rot gehaltene Zufahrt. Henry Moores Bronzeguss „Two large Forms“ von 1979, damals auch als Sinnbild der zwei deutschen Staaten interpretiert.

Der dunkle Kanzlerbau mit seinem niedrigen Vordach. Das „Drei-Finger-Haus“, wo die Fachbeamten wirkten. Der beruhigende Blick auf den Rhein. Die Parkanlage.

Auch die beiden Platanen, zwischen denen sogar einmal eine Sitzung des Bundeskabinetts der ersten Großen Koalition (1966–1969) abgehalten wurde – festgehalten auf einem Fotoklassiker jener Zeit: Kanzler und Minister im Freien und im sommerlichen Outfit.

© Picture-Alliance Die Große Koalition unter Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU) tagt im Park des Palais Schaumburg unter einer alten Platane.

Nur eines hat sich geändert. Nicht mehr das Kanzleramt ist hier untergebracht, sondern das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) .

Es ist ein Bau, der in den frühen siebziger Jahren konzipiert wurde, als Willy Brandt Bundeskanzler war, Horst Ehmke als Chef des Hauses für Ordnung sorgte und die Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion, Polen und der DDR ihre Hochphase hatte. Die sogenannten Schutzbunker scheinen den Vorwurf der damaligen CDU/CSU-Opposition zu widerlegen, die sozialliberale Regierung Brandt/Scheel sei naiv und gutgläubig darüber, was „Moskau“ im Kampf gegen den Westen wahrhaft plane.

© dpa Bundeskanzler Willy Brandt (r.) und der sowjetische Botschafter Valentin Falin (l.) im Gespräch im Palais Schaumburg, noch vor dem Umzug in den Neubau

Oder war den vier Bunkerräumen bloß die Funktion einer Schimäre zugedacht gewesen? So-als-ob-Schutzräume? Der Regierungsbunker für die wirklich Mächtigen lag ohnehin 25 Kilometer südwestlich der kleinen Bundeshauptstadt, unter dem Trotzenberg mit seinen Wäldern und Weinbergen am Flüsschen Ahr.

In Bonn war es damals, wie es heute in Berlin ist. Es gab eine Große Koalition. Kurt-Georg Kiesinger von der CDU war Bundeskanzler und der Sozialdemokrat Brandt Außenminister. Konzepte für ein neues Bundeskanzleramt wurden entwickelt. Das seit 1950 als Zentrale des Regierungsapparates genutzte feine und altehrwürdige Palais Schaumburg war zu eng geworden, was Helmut Herles, damaliger Korrespondent dieser Zeitung, mit dem Hinweis belegte, ein Referentenzimmer sei sogar zwischen zwei Toiletten „eingeklemmt“ gewesen.

1969 kam der Regierungswechsel – von Schwarz-Rot zu Rot-Gelb, wie das heute heißen würde. Die alten Pläne wurden verworfen. Horst Ehmke, burschikos und durchsetzungsfähig, ließ neu planen. Als der Bau fertig war, hieß der Bundeskanzler nicht mehr Brandt. Helmut Schmidt war der erste Kanzler, der in dem Neubau arbeitete.

  • © Picture-Alliance Neues Arbeitszimmer mit Blick auf den Rhein: Bundeskanzler Helmut Schmidt an seinem Schreibtisch.
  • © Picture-Alliance Besonderes Shooting im Kanzleramt: Bundeskanzler Helmut Schmidt fotografiert Pressefotografen.
  • © Picture-Alliance Bundeskanzler Helmut Schmidt verspottete das Kanzleramt: Es erinnere ihn an das Gebäude „eines Giro- und Sparkassenverbandes“.

Im Sommer 1976 zog der Sozialdemokrat ein. Der war mit dem Urteil schnell zur Hand. Das Amt erinnere ihn an das Verwaltungsgebäude des „Giro- und Sparkassenverbandes“. Vielleicht, weil er Ehmke nicht leiden konnte. 40 Jahre ist das her.

Die üble Nachrede aber blieb hängen. Sparkasse, Kreissparkasse. Tradition freilich hatte sie auch. Als 1930 in Berlin die Reichskanzlei erweitert worden war, schrieb der örtliche „Berliner Lokalanzeiger“, der Neubau könne auch „das Verwaltungsgebäude eines beliebigen Industrieunternehmens, einer Großbank sein“. Jedenfalls hatte Karl Ravens (SPD), der 1976 Bundesbauminister gewesen war, dieses Zitat gefunden und anlässlich der „Schlüsselübergabe“ vorgelesen. Die Leute sollen gelacht haben. Helmut Schmidt bestimmt erst recht. Schmidt hatte hier noch sechs Jahre lang sein Arbeitszimmer.

Helmut Kohl dann 16 Jahre. Gerhard Schröder schließlich wenige Monate. Dann zog er nach Berlin.

© Picture-Alliance Regierungswechsel: 1982 wird Helmut Kohl Hausherr im Kanzleramt, 1998 zieht Gerhard Schröder ein.

Seither haben Beamte des Bundeskanzleramtes hier nichts mehr verloren. Nach der Gesetzeslage zur Aufteilung der Bundesministerien zwischen Bonn und Berlin ist das BMZ in der alten Regierungszentrale am Rhein untergebracht. Und zwar mit seinem Ersten Dienstsitz. Eine Nebenwirkung: Der frühere – und natürlich abhörsichere – „Nato-Saal“ heißt nun „Nelson-Mandela-Saal“.

Etwa 60 Prozent der BMZ-Beamten arbeiten in Bonn. Der Rest in Berlin. Der Entwicklungshilfeminister eben auch. Gleichwohl: Ein Arbeitszimmer in Bonn hat er schon. Schön eingerichtet. Ziemlich selten benutzt. Dort, wo früher ein Parlamentarischer Staatssekretär oder Staatsminister saß – mit schönem Titel und meist wenig Einfluss. Wie häufig sich der Minister in Bonn aufhält, ist der Recherche kaum wert. Vielleicht sechsmal im Jahr. Vielleicht auch weniger. Ein Raum aber blieb leer.

Die Leute an der Spree hätten sich das Maul zerrissen vor Spott und Hohn, hätte Heidemarie Wieczorek-Zeul, die damals Entwicklungshilfeministerin war, das Kanzlerzimmer für sich in Beschlag genommen. Ausgerechnet die „rote Heidi“. Unangemessen hätte das ausgesehen, ziemlich großspurig und politisch nicht korrekt. Einen Beamten dort zu plazieren hätte erst recht nicht gepasst.

Man stelle sich vor: Ein Abteilungsleiter in einem Raum, der einst des Kanzlers würdig war. In dem Breschnew, Reagan, Mitterrand empfangen wurden. In dem deutsche Geschichte gemacht wurde. An sich aber ist es ein schmuckloser Raum. Nicht protzig. Eher gediegen. Nüchterne Arbeitsatmosphäre. Die Besucher heute mögen sich wundern: Nicht einmal ein Eckzimmer. Jeder Bundesminister in Berlin hat einen größeren und schöneren Raum.

© Barbara Klemm Zentrum der Macht: Helmut Kohl in seinem Arbeitszimmer im Bonner Kanzleramt.

Im Vorzimmer der Kanzler, wo einst die Chefsekretärinnen Marianne Duden (Schmidt, Schröder) und Juliane Weber (Kohl) über den Zugang zur Macht wachten, arbeitet heute eine BMZ-Referentin. Das Kanzlerzimmer aber kam herunter. Es vergammelte. Das Nebenzimmer, eines Bildes wegen nach dem Künstler „Heckel-Zimmer“ genannt, gleich mit. Dorthin wurden einst die Kameraleute gerufen, wenn Schmidt und Kohl und Schröder ihren Besuchern noch einmal freundlich die Hand schütteln und sich in Sesseln für kurze Zeit nett unterhalten wollten, ehe sie sich zum eigentlichen Gespräch zurückzogen. Als diplomatische Geste wurde der Brauch erfunden, die Sessel zu entfernen, wenn der Besucher nicht sonderlich gelitten war. Dann gab es Händeschütteln im Stehen.

© dpa Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) setzte sich dafür ein, das Bundeskanzlerzimmer öffentlich zugänglich zu machen.

Gerd Müller kam 1994 als CSU-Abgeordneter nach Bonn. Seit drei Jahren ist er Entwicklungshilfeminister, mithin Hausherr des alten Kanzleramtes. Bei einem seiner frühen Besuche am Rhein entwickelte Müller – aus alter Verbundenheit, wie es heißt – die Idee, das historische Kanzlerzimmer erstens in seinem alten Zustand wiederherzustellen und zweitens der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ganz so, wie es mit dem Vorgänger-Kanzleramt Palais Schaumburg und auch dem sogenannten Kanzler-Bungalow der Fall ist, einem gern besichtigten Bau aus den sechziger Jahren, in dem Bundeskanzler wohnten und Gäste empfingen. Weil ein kleiner Swimmingpool dazugehört, wurde es „Ludwigslust“ geheißen. Ludwig Erhard, der zweite Kanzler der Bundesrepublik, war der erste Mieter gewesen. Helmut Kohl der letzte. Das Kündigungsschreiben vom Herbst 1999 ist ausgestellt, unterzeichnet von Hannelore Kohl.

Leicht zu erfüllen war Müllers Auftrag an die Historiker vom Haus der Geschichte in Bonn nicht. Welcher Zustand? Der zu Schmidts Zeiten zu Beginn der Nutzung? Der zu Zeiten Kohls, der hier am längsten residierte? Der zu Schröders Zeiten am Ende seiner Nutzung? Zudem: Ein Museum durfte es nicht werden, und die Arbeitsbedingungen eines Ministeriums waren mit denen des öffentlichen Zugangs in Übereinstimmung zu bringen.

Im „Kleinen Kabinettssaal“, in dem einst die Staatssekretäre der Ministerien die Sitzungen des Bundeskabinetts vorbereiteten, pflegt jetzt der Personalrat des BMZ zu beraten. Der „Große Kabinettssaal“ blieb unbenutzt. Auch er ein Ort der deutschen Geschichte. Die Sessel immer noch an Ort und Stelle. Mit höherer Lehne der des Kanzlers – damals 1000 D-Mark. Die der Minister für 350. Am schlechtesten erhalten: Der Kanzlersessel. Löcher an den Armlehnen.

Michael Gottschalk/photothek.net Helmut Schmidt stiftete zahlreiche Original-Gegenstände für die Ausstattung des Kanzlerzimmers.

Müller schrieb drei Briefe. Schröder ließ wissen, er sei ja wohl unter den drei Kanzlern der am wenigsten betroffene. Kohl reiste nach Bonn. Im Spätherbst 2014, ziemlich genau 25 Jahre nachdem er seinen Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit entworfen und seiner damaligen Frau Hannelore in eine Schreibmaschine diktiert hatte, war Kohl erstmals seit 1998 an alter Wirkungsstätte.

Ein Gespräch mit Helmut Schmidt, geführt im Frühjahr vergangenen Jahres, erwies sich als Fundgrube. Über die Weltläufte sei gesprochen worden, heißt es. Wichtiger: Schmidt stellte das Material zur Verfügung, ohne das das alte Kanzlerbüro nicht wieder hergestellt hätte werden können – Möbel, Bilder, Fotos. Wenn Angela Merkel dereinst das Kanzlerzimmer in Berlin verlässt, wird auch sie manches mitnehmen. Nicht aber den Schreibtisch. Der ist fest in den Boden einbetoniert.

In Bonn war das anders. Schmidt, Kohl und Schröder brachten stets ihre eigenen Möbel mit. Beim Auszug hinterließen sie das Chefzimmer „besenrein“. Von Schröder heißt es gar, seine damalige Frau Doris habe sich noch während der Vereidigung ihres Mannes als Kanzler um die Beschaffung eines Schreibtischs zu kümmern gehabt. Kohl hatte „sein“ Büro mit einem Aquarium geschmückt. Das soll zerbrochen sein.

Schmidt hatte sein Mobiliar mit in das Arbeitszimmer genommen, das ehemaligen Bundeskanzlern in den Räumlichkeiten des Bundestages zusteht. Schmidt stellte es zur Verfügung. Schreibtisch, Beistelltisch, Schreibtischstuhl, Aschenbecher, ein Radio, ein Flaschenschiff, Nippesfiguren – und auch die Fotos in einer Ecke des Raums, die Schmidt als „Kitsch-Ecke“ bezeichnet haben soll. Der Kanzler mit den Größen der Welt und der deutschen Sozialdemokratie. Auch ein Gastgeschenk von Leonid Breschnew gehört dazu: Ein handgeknüpfter Teppich – mutmaßlich aus der damaligen Sowjetrepublik Turkmenien, dem heutigen Turkmenistan, wie die Historiker glauben.

Nur ein „August Bebel“ in Öl als Reproduktion, weil das Original bei Kurt Beck in der Friedrich-Ebert-Stiftung hängt. Natürlich: Ein Schachbrett. An diesem Freitag wird das alte Zimmer neu eröffnet. Von Januar an kann es besichtigt werden. Müller hat sich noch etwas Nettes einfallen lassen. In einer der Schubladen Schmidts liegen Zigaretten und auch Schnupftabak. Ohne Schockfotos von heute. Papiertaschentücher auch. Ganz wie früher.

Mit einer Feierstunde sind das Arbeitszimmer von Helmut Schmidt und andere Räume im ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn am Freitag für die Öffentlichkeit freigegeben worden. Da das Gebäude seit 2005 Sitz des Bundesentwicklungsministeriums ist, müssen sich Besucher allerdings vorher anmelden. Die ersten Führungen wird es ab Januar 2017 geben, organisiert vom Bonner Haus der Geschichte.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 23.09.2016 16:57 Uhr