https://www.faz.net/-gpf-14q9z

Bologna und die Bachelorisierung : So geistvoll wie die Rechtschreibreform

  • -Aktualisiert am

Ein Student demonstriert während der Kultusministerkonferenz an diesem Donnerstag in Bonn Bild: ddp

In den deutschen Hörsälen und Seminaren rumort es zu Recht. Denn die Bachelorisierung erweist sich, kaum ist sie nach britischen Bologna-Maßgaben zwischen Rhein und Oder eingeführt, als verfehlt. Eine Verkürzung der Studiendauer war sinnvoll, aber nicht um den Preis einer geistigen Selbstamputation.

          6 Min.

          Es rumort wieder in deutschen Hörsälen und Seminaren, und das zu Recht. Denn die Bachelorisierung erweist sich, kaum ist sie nach britischen Bologna-Maßgaben zwischen Rhein und Oder eingeführt, als verfehlt. Wenn es einen geistig-institutionellen Besitzstand in deutschen Landen gab, der verteidigenswert schien, dann war dies ihr anspruchsvolles, mehrstufiges und inhaltlich plurales Studiensystem. Eine Verkürzung der Studiendauer war sinnvoll, aber nicht um den Preis einer geistigen Selbstamputation.

          Man wollte sich durch Bachelor-Studiengänge internationalisieren mit dem immer wahrscheinlicher werdenden Ergebnis, dadurch das Bildungsniveau zu provinzialisieren. Was sich da gegen alle kritischen und sachverständigen Einwände vor unser aller Augen vollzogen hat, die Selbstpreisgabe eines zugegeben kostenaufwendigen, aber inhaltlich gewichtigen, durch und durch demokratischen und qualitativ hochstehenden Studiensystems, um das man die Bundesrepublik Deutschland „draußen“ eher beneidet hatte, gehört zum Fahrlässigsten, was sich deutsche Kultur- und Wissenschaftspolitik leisten zu müssen geglaubt hat. Diese „Vereinfachungen“ in den Studienstrukturen waren so geistvoll wie sonst nur die Rechtschreibreform, die bekanntlich zu einer „Ortogravieh“ geführt hat.

          Eine Reform der Reform bleibt in beiden Fällen die einzige Lösung, sofern sie nicht zu Verschlimmbesserungen führt. (Die ironische Pointe der gegenwärtigen bundesdeutschen Studentenproteste ist übrigens, dass sie mit einer Solidarisierung mit studentischen Protesten in Österreich begannen, die sich freilich auch gegen eine Überflutung der alpenrepublikanischen Universitäten durch deutsche Studenten richteten und in der Wiener Boulevardpresse - in seltener Sympathie für intellektuelle Anliegen - antideutsche Stimmungsmache nach grotesk-bewährtem Muster erzeugten.) Ist nun damit zu rechnen, dass sich vor allem die Hochschulen, denen es gelingen wird, sich in Stiftungsuniversitäten umzuwandeln, aus dem Bologna-Korsett befreien werden?

          Studentprotest an der Universität Gießen

          Aber es zeigen sich inzwischen auch ganz andere, bologna- und bachelorunabhängige Problemfelder bundesdeutscher Universitätspolitik. Wie wird es um die bleibende Wirkung der Exzellenzinitiative bestellt sein? Die von solchen Initiativen profitierenden Nachwuchswissenschaftler brauchen Perspektiven, sprich attraktiv ausgestattete Stellen, damit sich die einmal unter Beweis gestellte Exzellenz verstetigen lässt und es zu einem kontinuierlichen Wachstum der Qualität in Forschung und Lehre kommen kann.

          Ein Harvard oder Oxford auf deutschem Boden?

          Wie bei allen diesen Fragen geht es letztlich um das, was inhaltlich erreicht, finanziell ermöglicht und politisch durchgesetzt werden soll und kann. Von Anbeginn problematisch war die Vorstellung, Harvard oder Oxford auf deutschem Boden schaffen zu wollen. Vielmehr kann es hierzulande doch nur darum gehen, das, wofür die deutschen Universitäten standen und im Grunde weiter stehen, sich weiter entfalten zu lassen, und zwar gerade als sinnvolle Alternative zum amerikanischen oder britischen Modell. Im Differenten liegt der Reiz, im Mut zum Unterschied. Gleichheit im Bildungsbereich meint in erster Linie Chancengleichheit, aber doch nicht Austauschbarkeit der Studienprogramme und über Jahrhunderte gewachsener Strukturen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Nach 32 Jahren : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.